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Goodbye Christopher Robin

Großbritannien 2017 Regie: Simon Curtis mit Domhnall Gleeson, Margot Robbie, Alex Lawther, Kelly MacDonald, Stephen Campbell Moore 107 Min. FSK ab 6

„Wer hätte gedacht, dass dieser Bär uns verschlingen würde …“ Ja, tatsächlich, die Geschichte von Pu der Bär (Winnie-the-pooh), eines kleinen Bären „von sehr geringem Verstand“, wurde eine riesige (Erfolgs-) Geschichte. Im deutschen Sprachraum besonders beliebt dank der genialen Neuübersetzung und Nacherzählung durch Harry Rowohlt. Das illustrierte Kinderbuch des britischen Schriftstellers A.A. Milne wurde inspiriert von den Stofftieren seines Sohnes, im Buch Christopher Robin genannt. Wie ausgerechnet das Grauen des Krieges zu diesem wunderbaren Buch führte, und wie Christopher Robin selbst unter dem Erfolg zu leiden hatte, erzählt „Goodbye Christopher Robin“ auf eine annähernd anrührende Weise nach.

Wir erleben Alan Alexander Milne (Domhnall Gleeson), den Schöpfer der leichten, verspielten Geschichten um Pu der Bär, zu Beginn als traumatisierten Zyniker nach furchtbaren Erlebnissen im Ersten Weltkrieg. Der Autor hat größte Schwierigkeiten, sein Leben weiterzuführen. Immer wieder kommen grausige Erinnerungen an die Laufgräben hoch, an die Fliegen von den Leichen. Kaum jemand in der englischen Gesellschaft versteht das, ein Verleger nimmt Milnes ironische Schilderung vom Autor mit Schreibmaschine und Sherryglas im Giftgas für bare Münze. Nun will A.A. Milne, der die Machthaber, die „ihr Volk“ in Kriege hetzen, heftig kritisiert, mit seinem nächsten Werk verhindern, dass es wieder einen Krieg geben wird. Aber eine Schreibblockade verhindert, dass er überhaupt etwas aufs Papier bringt.

Der Umzug aufs Land hilft nicht, die Geburt und das Aufwachsen eines Sohnes berührt Milne kaum. Die Ehefrau Margot Robbie (Daphne Milne) vergnügt sich allein in London, das Kindermädchen Olive (Kelly MacDonald) ist dem Jungen eine wahre Mutter. Doch als diese plötzlich weg muss, beginnt das kaum existierende Verhältnis Milnes zu seinem Moon genannten Sohn zu wachsen: Gemeinsam gehen sie auf Honigsuche in den Wald. Das Summen der Insekten treibt den Vater nicht mehr in Panik, weil das Kind erkennt, das sind Bienen und keine (Leichen-) Fliegen. Denn der Kleine versteht auch ohne Erklärungen enorm viel. Als sie endlich Luftballons platzen lassen können, ohne dass Milne wegen der vermeintlichen Explosionen erstarrt, ist das ein doppeltes Fest. Vater und Sohn erfinden und erleben Abenteuer, der zerrüttete Mann wird selber wieder Kind und lässt sich vom Sohn Moon beraten. Denn bald hält er die Geschichten der beiden und der Stofftiere des Sohnes zusammen mit seinem Zeichner und Leidensgenossen des Krieges schriftlich fest und „Winnie-the-pooh“ wird ab 1926 rasant zum weltweiten Erfolg.

Mit erschreckenden Folgen für das Kind: Christopher Robin wird als Kinderstar vermarktet, die kalte, hartherzige Mutter wandelt sich zum erfolgsgeilen Manager. Die Eltern lassen sich auf Welttournee feiern. Der junge Moon bleibt allein zuhause, wo nur das Kindermädchen versteht, besser versteht, wie es um das Kind steht. Die Tragödie, Christopher Robin zu sein, bestimmt den letzten Teil des Films, in dem der auf Schule und Internat dauernd gehänselte Junge unbedingt zum Militär will. Die ursprünglichen Bestrebungen von A.A. Milne scheinen sich auf Grausamste in ihr Gegenteil zu verkehren. Christopher Robin Milne wurde selber später Schriftsteller und schrieb auch über diese Zeit mit seinem Vater.

„Goodbye Christopher Robin“ entwickelt sich für eine „Pu der Bär-Autobiografie“ überraschend aus dunklen Abgründen des Krieges und seiner Folgen. Wie eine komplett zerrüttete Familie durch Kindergeschichten wieder zusammenfindet, beschert den Freunden des niedlichen und seltsamen Bären viel glückbringendes Wiedererkennen. Es ist schön, wie die Figuren des berühmten Kinderbuches langsam eingeführt und entwickelt werden. Dabei aber immer packend exakt gezeichnet und vor allem von Domhnall Gleeson („The Revenant“, „Star Wars: Das Erwachen Der Macht“) ungeheuer gut gespielt, wie Milne mit seinen Dämonen kämpft und wie Moon ängstlich und tapfer den Vater retten will. Der Sohn ist ein kluges Kerlchen, findet ein paar bessere Worte für Gedichte und berät den Vater bei der Geschichte. Das ist in warmen Farben fotografiert, die selbstverständlich auch mal dunkel werden.

So eine intensive und berührende Geschichte konnte man von Simon Curtis, dem Regisseur der ebenfalls freien biografischen Episode „My Week With Marilyn“ und dem nicht ganz so starken Raubkunst-Drama „Die Frau in Gold“ erwarten. Eine sehr aktuelle Anklage gegen den Wahnsinn des Krieges und gegen die Politiker, die ihn zulassen, hingegen nicht direkt im Umfeld von „Pu der Bär“. Dass aber genau diese Verbindung – sicherlich im Geiste von A.A. Milne – gelingt, dass auch noch das frühe Drama eines Kinderstars nahtlos eingeflochten ist, macht „Goodbye Christopher Robin“ zu einem ganz außerordentlich sehenswerten Film.


Ein FILMtabs.de Artikel