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Climax

F/B/USA 2018, Regie: Gaspar Noé mit Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, 95 Min.

Gaspar Noés Filme sind Grenzerfahrungen. Für den Markt definieren sie sich durch den Skandal und die Zahl der Ohnmachtsanfälle bei ihrer Premiere in Cannes. Das war bei »Irreversible« so, das ist bei »Climax« nicht anders. Dabei geht es Noé auch immer um die Befreiung von Konventionen, das Sprengen von festgefahrenen Gewohnheiten. Da macht auch sein Fünfter keine Ausnahme. Vielmehr ist »Climax« eine Art Summe der vorangegangenen Filme, ein irrer Albtraum, virtuos und extrem in seiner filmischen Sprache – ein Stachel im Mainstreamkino. Als Inspiration diente ein wahrer Fall in den Neunzigern, an dem sich Noé aber nur lose orientiert. Alles beginnt recht harmlos: Eine Gruppe Tänzer stellt sich der Kamera. Jeder einzelne von ihnen redet von seinen Zielen und Träumen, bevor sie aufeinander losgelassen werden. Der Schauplatz: Ein entlegenes Gebäude, wo sie ihre Choreographie einstudieren und danach ausgelassen feiern. Eine irre Tanzsequenz zu Cerrones Disco-Klassiker »Supernature« zieht den Zuschauer in den Bann, um ihn dann hinterrücks zu überfallen – als klar wird, dass jemand die Bowle des Abends mit LSD versetzt hat. Was folgt ist ein aberwitziger Trip in menschliche Abgründe, blutig, böse und bisweilen schwer zu ertragen – aber eben auch so nachhaltig wie kaum eine Kinoerfahrung in diesem Jahr. Wie Noé die Figuren bloßstellt, ihre Oberflächlichkeiten, ihr Intrigenspiel offen legt, und ihnen die Masken entreißt, um sie dem Wahnsinn auszusetzen, ist beispiellos. In Cannes gab es viel Applaus und in Sitges den Hauptpreis des Festivals. »Climax« ist ein Sinnesrausch, bei dem die Kamera von Benoît Debie (»Spring Breakers«), dem Weggefährten des Regisseurs, und die exzellente Musikauswahl mit Klassikern von Georgio Moroder bis Aphex Twin und zusätzlichen Tracks von Thomas Bangaltar (Daft Punk) im Zentrum stehen.


Ein FILMtabs.de Artikel