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Die Farbe des Horizonts

USA 2018 (Adrift) Regie: Baltasar Kormákur mit Shailene Woodley, Sam Claflin 97 Min. FSK ab 12

Der neue Film von Baltasar Kormákur, dem Isländer, der diesen sagenhaften Eisfilm „The Deep“ gemacht hat, und noch ein paar Hollywood-Knaller wie „Everest“, wirft uns direkt ins kalte Wasser. Wobei es diesmal auf dem Weg von Tahiti nach Kalifornien, quer durch den Pazifik, nicht so kalt ist wie in „The Deep“. In der ersten Szene ist die Yacht schon ein Wrack, Tami (Shailene Woodley) treibt in der Kajüte unter Wasser und ihr Verlobter Richard (Sam Claflin) ist verschwunden. Die Überführung des Bootes von Freunden strandete in einem heftigen Sturm. Doch die 23-jährige Tami ist eine clevere Frau mit Ahnung vom Segeln. Sie flickt den Kahn notdürftig, pumpt Wasser ab, schneidet den Mast los, wobei sie fast nicht mehr zum Boot zurückkommt. Und sie entdeckt Richard im Wasser treibend. Auch die Rettung des Seglers mit schwerer Beinverletzung und gebrochenen Rippen ist packend. Faszinierend jedoch vor allem die Montage.

Zwischen den Szenen eines schier aussichtslosen Überlebenskampfes, tausende Meilen von der nächsten Küste entfernt, schneidet Regisseur Baltasar Kormákur die Liebesgeschichte von Tami und Richard: Sie lässt sich seit fünf Jahren treiben, arbeitet auf Schiffen, will die Welt sehen. Er baute sein eigenes Boot und bereiste schon viele traumhafte Orte. Ein ideales Paar findet sich in gemeinsamer Abenteuerlust und beginnt eine schöne Liebesgeschichte.

Der Isländer Baltasar Kormákur ist ein Wanderer zwischen den Film-Welten: Vor und zwischen großen Thrillern wie „2 Guns“ (2013) mit Denzel Washington und „Contraband“ (2011) mit Mark Wahlberg sowie teuren Spektakeln wie „Everest“ (2015) drehte er faszinierendes Arthouse von schrägen Beziehungsgeschichten wie „101 Reykjavik“ (2000) bis zu dem fast mythologischen Drama eines tiefgekühlten Fischers in „The Deep“ (2012). In dem exzeptionellen „Devil’s Island“ (1995, Regie: Fridrik Thór Fridriksson) spielte er die aus der Gesellschaft gefallene Hauptfigur. Wieder in Reykjavík inszeierte er den knallharte und eiskalte Thriller „Der Eid“ (2016), in dem ein bürgerlicher Vater für seine Tochter rot sieht.

Für die „Die Farbe des Horizonts“ schlägt er eine andere Route ein als J.C. Chandors „All Is Lost“ mit Robert Redford als einsamem Segler. Die wahre Geschichte von Tami Oldham Ashcraft, die 1983 auf einer schwer beschädigten Yacht beinahe manövrierunfähig 41 Tage im offenen Meer trieb, veröffentlichte sie im Buch „Red Sky in Mourning: A True Story of Love, Loss, and Survival at Sea”. Kormákur erzählt dies öfter ruhig als hochdramatisch nach und behält sich den schwersten Sturm fürs Finale auf. Was in Zeiten von überkandidelten Filmdramaturgien ebenso wohltuend wie gewöhnungsbedürftig ist. Die lange Reise mit dem außergewöhnlichen Paar nimmt uns mit ins Boot. Dann aber folgt mit der finalen Montage aus stürmischer Liebe und Liebe im Sturm ein großes Stück überwältigendes Kino. Und auch hier noch so ein Clou im Stile von M. Night Shyamalans und Bruce Willis’ „The Sixth Sense“.

Dabei gelingen warme Momente wie der schönere Heiratsantrag „Willst du mit mir um die Welt reisen?“ und die Versuche, die Farbe des Horizonts beim Sonnenuntergang zu beschreiben, ebenso wie die kalten Duschen eines gnadenlosen Ozeans, eingefangen von einer klasse Unterwasser-Kamera, begleitet von starker, klischeefreier Filmmusik.


Ein FILMtabs.de Artikel