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Dogma
USA 1999 (Dogma) Regie, Buch und Schnitt Kevin Smith, 130 Min.
In den USA geht auch die Kirche mit der Zeit: Da gibt es diese Kirchengemeinde, die aus dem veralteten Leib Christi einen "Kumpel Christus" (Buddy Christ) macht. Ihre automatisierte Absolution, eine Schnellreinigung für die Seele, gibt zwei in Ungnade gefallenen Engeln neue Hoffnung. Ein kleiner logischer Fehler im Dogma, in der kirchlichen Lehre, würde es Loki (Matt Damon) und Bartleby (Ben Affleck) erlauben, ins Paradies heimzukehren. Als Nebenwirkung würde dieses Paradoxon allerdings die Existenz der gesamten Schöpfung nihilieren. Denn die Unfehlbarkeit Gottes zu widerlegen, würde bedeuten, die Schöpfung zu negieren. Aber wer mehrere Jahrtausende nach Wisconsin verbannt war, nimmt dies gerne in Kauf. (Hier versteckt sich übrigens ein origineller Fehler in Smiths Konstruktion: Affleck und Damon haben es als erste Weißhäute im vorchristlichen Amerika sicherlich nicht leicht gehabt!)
Kevin Smith überraschte schon bei "Chasing Amy" damit, dass er ganz frischen und frechen Spaß mit sehr klugen und tiefen Gedanken zu Liebe und Beziehungen verband. Seine neue star-besetzte und geniale Mischung "Dogma" beginnt mit zwei sympathischen, etwas schelmischen Jungmännern Loki und Bartleby. Es ist ein besonders cleverer Zug, die beiden mit den Stars Matt Damon und Ben Affleck zu besetzen. Die berühmt gewordenen alten Bekannten aus Smith-Filmen überraschen so umso mehr mit der Wendung zum alles zerstörenden Bösen. Loki hat großen Spaß daran, eine Nonne zu Leben und freier Liebe zu bekehren, danach steuern die Freunde fest entschlossen auf eine blutige Apocalypse zu. Nur Bethany (Linda Fiorentino), die entfernt mit Jesus verwandt ist, aber seit einer Weile Schwierigkeiten mit dem Glauben hat, soll jetzt mit sehr originellen Gehilfen die Schöpfung retten. Denn als Propheten treten Silent Bob (Regisseur Smith) und Jay (Jason Mewes) auf, die schon in Smiths New Jersey-Trilogie prägnante Momente hatten.
Komödie, philosophisches Denkspiel (ganz wie "The Book of Life" von Hal Hartley), Star-Schaulaufen und religiöses Actionspektakel. Das sensationell vielschichtige Meisterwerk eröffnet sein Rätsel mit drei rollerskatenden Boys from Hell, die ganz zu Anfang einen alten Herr mit ihren Eishockey-Schlägern niederknüppeln. Das Tolle, Moderne an "Dogma" ist die Vermengung von dies allem auf spaßige, äußerst unterhaltsame Weise. Die Filmsensation lässt Göttin (Alanis Morisette) mit dem ordinär geilen Jay zusammentreffen, ganz ernste und ernst zu nehmende Glaubensfragen mit pubertären Scherzen einhergehen. Die Wahrheit über das Geschlecht der Engel kommt schockend offen ins Bild und ein 13. Apostel macht sehr überzeugend klar, dass Jesus ein cooler Schwarzer war. Da muss in bester Bruce Willis-Manier die Welt in letzter Sekunde actionreich gerettet werden. Mit Hilfe einer freiberuflichen Muse (Selma Hayek) sprechen die modernen Propheten mit der Stimme des Rap. Die Verkündung himmlischer Wahrheiten in flammender Gestalt wird von Bethany ganz pragmatisch mit dem Feuerlöscher beantwortet. Metatron, der höchste Bote Gottes, ist wieder mal eine ganz wunderbare Rolle für Alan Rickman mit seinem snobistisch britischen Akzent. Smiths ganz eigener "unabhängiger" Humor gelingt wie schon in "Clerks", "Mall Rats" und "Chasing Amy". In diese Kategorie gehören die vielen Filmzitate und eine theologische Star Wars-Interpretation.
In den USA zog die Mickey Mouse (sprich: Disney) angesichts solch
mutiger Qualität den Schwanz ein. Produzent Miramax (ein
Tochterunternehmen von Disney) musste daraufhin einen anderen Verleih
finden. Aber vielleicht ging es Disney gar nicht um den rechten
Glauben, sondern um den so treffend parodierten Tanz um das Goldene
Kalb. Bevor Loki und Bartleby die Schöpfung hops gehen lassen,
rächen sie sich am Konzern, der sich mit dem Goldenen Kalb
"Mooby" auf Film und CD, im Comic und im Vergnügungspark eine
goldene Nase verdient - ohne den biblischen Rechteinhabern des
Goldenen Kalbs Tantiemen zu zahlen. Klingt irgendwie bekannt ...
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