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I want you

GB 1997 (I want you) Regie Michael Winterbottom, 87 Min.

Von Günter H. Jekubzik

"I want you" ist erstmal ein unfaßbarer Song von Elvis Costello. Als er herauskam, spielte ein Radio-DJ ihn einfach fünfmal hintereinander - und was besseres konnte er nicht tun. Jetzt nannte Michael Winterbottom einen Film nach diesem Song. Der Regisseur, der mit seinen Filmen ebenso für Schauern und Kribbeln auf der Haut sorgte - auch wenn er nicht Ketten und Piercings wie in "Butterfly Kiss" eiskalt poetisch um seine Figuren legt.Der Song "I want you" beginnt wie ein kleines Liebesliedchen, dann zerreißt ihn ein dreckiger Gitarenriff und es bleibt nur eins: Ich will dich - ohne viele Worte. Ich will dich - ohne Umschweife. Das ist nicht schön, aber unglaublich kraftvoll leidenschaftlich und so ist auch der Film, dessen Geheimnis sich stückchenweise enthüllt: Vier Menschen bekommen in einem britischen Seebad miteinander zu tun, vier Figuren mit fesselnden Brüchen.

Martin (Alessandro Nivola) hat hier vor Jahren einen Mord begangen und kehrt nun zurück. Gegenüber der Bewährungshelferin gibt Martin sich verhalten, gegenüber allen anderen extrem aggressiv. Schnell wird seine Stoßrichtung klar, er will zurück zu seiner Jugendliebe Helen. I want you!Die junge Helen (Rachel Weisz) arbeitet in einem Friseurladen, wirkt freundlich fröhlich, lebt bei den Tanzabenden am Pier auf. Ihren Freund, den Radio-DJ Bob, läßt sie nicht ran. I don't want you! Behilflich beim Ruhigstellen von Bob ist ein witzig montierter Zusammenschnitt privater Gespräche, der anonym über den Sender geht und den Moderator Bob bloßstellt.Die Aufnahmen stammen vom vierzehnjährigen, blonden Honda (Luka Petrusic) mit dem offenen Gesicht, der Helen umschwärmt, ihr Blumen schenkt. Honda ist ein Ohrenmensch, das Hören bestimmt seine Sinne. So nimmt er das Liebesstöhnen seiner Schwester auf, belauscht mit moderner Technik Gespräche im Friseursalon und am Strand. Was Honda sieht, ist unklar, farblich verzerrt. Er sprach nicht mehr, seit seine Mutter starb. Doch er äußert sich über das Gehörte, nimmt alles auf wie Andy Warhol und montiert wie der HipHop auf Tonbändern und Tapedecks eine Collage mit neuen Bedeutungen.Hondas Schwester Smokey (Labina Mitevska) schleppt aus dem Klub am Pier fast jede Nacht einen neuen Mann ab. Auch eine Folge des Krieges, dem Honda und Smokey entflohen? Nur Michael will nicht richtig mit Smokey. Michael will Helen, wie immer bedrohlicher klar wird. I want you!

So ist "I want you" ein Ohrenfilm. Songs von Rave (mit Smokey als Sängerin im Film) erzählen vom "Killer inside", vom "Mörder tief in mir". Aber nach dem erschütternden Sozialdrama "Jude" war klar, Winterbottom macht auch exzellente Augenfilme. Diesmal verschiebt er die Impressionen eines Seebades zu kargen, öden Wattlandschaften. Die Farben in ein dreckiges Gelb, daß man aus Kieslowskis "Ein kurzer Film über das Töten" kennt. Der Himmel ist so künstlich blau, daß es nur ein Gefühl sein kann, ein Feld gelber Blumen betört noch am Anfang. Später versinkt alles in Braun und Grau, so wie der Blick in Wasser getaucht wird: Perspektiven aus und durch Aquarien dämpfen die Härte des Gezeigten.

Bilder, Songs, Drive - ein Film, der sofort losgeht und nicht mehr stoppt, auch wenn das Kino schon längst wieder leer ist. Die Liebe und der Sex sind hart, dreckig, zweckmäßig. Doch "I want you" hat nicht die kalte Härte von Mike Leighs "Naked". Das Wasser zwischen Handlung und Kamera dämpft die Gewalt. Der Trost ist poetisch: die Umarmungen von Smokey und Honda, die Tonaufnahmen der Mutter, zu denen Honda einschläft, die Freundschaft zwischen Honda und Helen. In seinem dritten Kinofilm nach "Butterfly Kiss" und "Jude" verbindet der Brite Winterbottom starke Figuren in einer fesselnd entwickelten Geschichte mit überraschender Auflösung. Ein guter, richtig packender Film mit eigener Sprache, der deshalb wohl keine Chance auf einen Preis hat.


Eine Kritik von Günter H.Jekubzik

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