Aviator

USA 2004 (The Aviator) Regie: Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, John C. Reilly 166 Min.

Scorsese MUSS diesen Mann verehren! Howard Hughes erhält vom Meisterregisseur eine Hymne, ein filmisches Denkmal, dass in derart positiver Weise bisher nur dem Dalai Lama in "Kundun" gewährt wurde. Selbst Jesus in "Passion" hatte mehr Makel als der legendäre Millionär, Flugpionier und Regisseur Hughes in dieser passionierten Verfilmung von kaum zu brechender Größe.

Hughes war ein Visionär, ein Fantast, der seine immer wieder belächelten, revolutionären und gigantischen Ideen tatsächlich umsetzte. Als 22-jähriger Öl-Erbe aus Texas verheizte Howard Hughes (Leonardo DiCaprio) in den Zwanzigern fast sein gesamtes Vermögen für den Kriegsfilm "Hell's Angels". Dass der Flugzeug-Fanatiker Kampfszenen mit der größten privaten Luftflotte und mit 26 Kameras gleichzeitig dreht, wird von den etablierten Produzenten wie Louis B. Meyer belächelt. Aber Hughes will das Unmögliche filmen, braucht mehr Kameras, braucht Wolken, um die Faszination der Geschwindigkeit auf die Leinwand zu bringen. Er bastelt mit nicht zu stoppender Leidenschaft an den Flugmaschinen rum. Das Ergebnis ist ein grandioses Flugballett, in das Scorsese seinen Visionär wirft. Mit vier Kameras auf den Tragflächen und einer in der Hand filmt Hughes. Mal wird eine Kamera von einer anderen Maschine abrasiert, mal kollidieren die Propellermaschinen. Nach mehr als zwei Jahren, vier Millionen Dollar Kosten und dem Tod von drei Piloten wird in Hollywood die größten Premiere, die es bis dahin gab, gefeiert. Und auch Scorsese feiert seinen Helden in einer spektakulären Riesenszene nach der anderen. Jeder Moment voller Leidenschaft, Besessenheit, die zum Bewundern freigegeben ist.

Erst später kommt die dunkle Seite ins fast dreistündige und keinen Moment zu lange Hughes-Opus: Der Wahnsinnige, der täglich Unsummen verpulvert, sein ganzes Vermögen aufs Spiel setzt und keinen Moment zweifelt, ist schwerhörig, hat panische Angst vor Ansteckungen, trinkt nur Milch aus verschlossenen Flaschen. Immer wieder schrubbt er seine Hände, ist ganz real gefangen in seiner Phobie, als er ohne Taschentuch nicht den keimbelegten Türgriff in der Toilette öffnen kann.

Scorsese eröffnet den Film mit einem symbolischen Reinigungsritual durch Hughes Mutter. Ein Zwang, der sich wiederholt, etwa nachdem Katherine Hepburn (Cate Blachett) ihn verlässt. DiCaprio wandelt sich vom jungen Herkules zu einem von dunklen Schatten Gezeichneten. Immer öfter bleibt sein brillantes Hirn wie eine Schallplatte hängen.

Die dominante Figur von Hughes ist so schillernd, dass die Gesamtdramaturgie einfach bleiben kann. In den zwanzig Jahren bis 1947 die Scorsese zeigt, bis zum letzten öffentlichen Auftritt des Fliegers beim Start seines gigantischen Transporters Hercules, liegen der Aufstieg zum Filmregisseur, ein Geschwindigkeitsrekord, die Entwicklung revolutionärer Flugzeuge, der Kauf der Fluggesellschaft TWA (während er die Welt in Rekordzeit umrundet!), nur um einen Passagierflieger bauen zu können. Dann die Verhöre durch einen Senatsausschuss, dessen korrupter Vorsitzender für den Konkurrenten PanAm arbeitet. Weitere dreißig, abgeschiedene Lebensjahre blendet der Film aus.

Scorsese und sein Held verblüffen alle paar Minuten und fesseln die gesamte Zeit, mit einem Helden von gestern, voller Tatendrang und visionärem Optimismus. Die unzähligen, immer wieder erhebenden Szenen sind mit Scorsese auch ein faszinierende Lehrstunde über das Filmemachen und die Filmgeschichte. Der geniale Regisseur lässt Zeiten, die er sicherlich auch gerne miterlebt hätte, aufleben.


Eine Kritik von Günter H. Jekubzik

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