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The Circle

USA, Vereinigte Arabische Emirate 2017 Regie: James Ponsoldt mit Emma Watson, Tom Hanks, Karen Gillan 110 Min. FSK: ab 12

Wenn Sie diese Filmkritik vielleicht auf irgendeine Weise digital lesen und demnächst Anzeigen für einen Roman von Dave Eggers auf den Schirm bekommen, ist das nur eine winzige Vorahnung der schönen neuen Digitalen Welt, die „The Circle“ als bitterböse Zukunftsvision entwirft. Die Dystopie wurde mit Emma Watson als kluge, engagierte Aufsteigerin und Tom Hanks als zwielichtigem Steve Jobs-Double genial besetzt.

Die Versuchsanordnung startet überdeutlich: Die 24-jährige Mae Holland (Emma Watson) ist mehr als unzufrieden mit ihrem Service-Job am Telefon, ihr kleines Auto fällt auseinander, der schwer kranke Vater wird von der Krankenversicherung im Stich gelassen. Da ist der Job bei der alles überschauenden Medienfirma Circle perfekt: Nicht nur die fortschrittlichen Ideen und Techniken, die Aufbruchsstimmung auf dem (Arbeits-) Campus voller junger Leute begeistern. Die konzern-interne Gesundheitsabteilung kümmert sich auch noch um die Multisklerose des Vaters und sogar die Klapperkiste wird zum modernen Hybrid-Wagen.

Was hinter „The Circle“, dem Kreis, steckt, wurde nicht sehr verrätselt: Die unübersehbare Ähnlichkeit mit dem neuen, kreisförmigen Gebäude der Firma Apple, der kindergarten-bunte Campus von Google, die süchtig machende, zwanghafte Soziale Plattform von Facebook. Die Auftritte des charismatischen Firmengründers Eamon Bailey (Tom Hanks) vor einer euphorischen Masse gläubiger Jünger kopieren die Shows von Apple-Gründer Steve Jobs eins zu eins. Bald mischt sich in den neuen Job von Mae Bedenkliches: Seltsame, fast roboterhaft freundliche Kollegen weisen die Neue darauf hin, dass sie der Firmen-Gemeinschaft ein großes Rätsel sei. Wenn Mae ganz alleine mit dem Kajak in der San Francisco-Bay unterwegs ist, erscheint ihnen das als Affront. Schließlich wird die junge Frau Gallionsfigur der Konzern-Philosophie, dass man sein Leben nicht der Öffentlichkeit vorenthalten dürfe. Der Film kippt, als Mae sich bereit erklärt, ihr ganzes Leben live ins soziale Netzwerk zu stellen, jede Minute völlig transparent zu sein. „The Circle“ wird zur „Truman Show 3.1“. Eine Flut von Reaktionen aus dem Netz pflastert nun die Leinwand zu, der reale Kontakt zur Familie bricht völlig ab. Die Überwachungs-Fantasie mit allgegenwärtigen Mini-Kameras im Geiste von Big Brother führt zu einen Menschenjagd auf eine Mörderin und dann auf einen alten Freund Maes.

Science Fiction ist … wenn man es schon längst im Haus hat! „The Circle“ ist von gestern, nicht nur weil er vor dem deutschen Start sehr oft und lange verschoben wurde. Eigentlich kein gutes Vorzeichen. Aber immerhin sind die Action-Szenen, die in einem der Trailer steckten, nicht mehr im Film zu sehen. Selbst wenn ein Großteil der Überwachung aus Dave Eggers Roman von 2013 damals schon gängig war und selbst wenn einige Argumente, mit denen der Film vorangetrieben wird („Privatsphäre ist Diebstahl“) zu schnell behauptet sind, das gar nicht besonders futuristische Gedankenexperiment von „The Circle“ reizt. Der eine Account für alles, die eine Firma für alles, die auch noch die nächsten Wahlen übernehmen will und schon jetzt Politiker stürzt – da steckt ein ganzer Haufen von sozialen und politischen Folgen drin. Trotz einiger nicht überzeugender Schlüsse packt die hell leuchtende und doch bedrohlich düstere Zukunftsvision dank einer engagierten Hauptfigur, gespielt von der sehr engagierten Schauspielerin und UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte Emma Watson. Das Update von Orwells „1984“ ist auch mit Tom Hanks sehr, sehr gut besetzt. Also nicht nur prominent und fähig, sondern im Typ frappant passend: Der sympathische Hanks als großer Verführer mit üblen Absichten funktioniert bestens. Aber auch wenn einige bizarre Ideen, wie Kindern Tracking-Chips in Knochen einpflanzen zu wollen und alle Leute mit Fitness-Armbändern auszustatten, haften bleiben, das beste Argument gegen eine Machtübernahme der „wahren Demokratie“ sozialer Medien ist ein Blick auf die Meinung des Volkes in Facebook oder den digitalen Kommentar-Spalten.


Ein FILMtabs.de Artikel