{"id":6786,"date":"2025-12-26T14:57:59","date_gmt":"2025-12-26T13:57:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?p=6786"},"modified":"2026-01-10T13:20:06","modified_gmt":"2026-01-10T12:20:06","slug":"der-fremde-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2025\/12\/26\/der-fremde-2025\/","title":{"rendered":"Der Fremde (2025)"},"content":{"rendered":"<div class=\"postie-post\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium\" src=\"https:\/\/presse.weltkino.de\/material\/pressemitteilungen\/340\/bilder\/DerFremde_A4_300dpi_RGB_pm288.jpg\" width=\"288\" height=\"408\" \/><br \/>\nEs ist ein Wagnis, sich an Albert Camus\u2019 \u201eDer Fremde\u201c zu versuchen \u2013 einem Klassiker der modernen Literatur. Fran\u00e7ois Ozon, einer der vielseitigsten Regisseure des europ\u00e4ischen Kinos verwandelt den Stoff in ein streng komponiertes, \u00e4sthetisch reduziertes Schwarzwei\u00dfdrama. Bekannt f\u00fcr prominent besetzte psychologische Meisterwerke wie \u201eUnter dem Sand\u201c oder \u201eSwimming Pool\u201c und f\u00fcr historische Stoffe wie \u201eFrantz\u201c, gibt Ozon dem Camus-Klassiker seine eigene Form. Sein \u201eFremder\u201c ist nach Viscontis Film von 1967 keine treue Literaturverfilmung, sondern ein Werk, das die gl\u00fchende Sonne Algiers mit k\u00fchler Distanz betrachtet.<\/p>\n<p>\u201eDer Fremde\u201c beginnt mit dem Telegramm \u00fcber den Tod der Mutter des Angestellten Meursault (Benjamin Voisin). Totenwache und Beerdigung sind in statische Schwarzwei\u00dfbilder gefasst, die Archivmaterial aus der ehemaligen franz\u00f6sischen Kolonie folgen. W\u00e4hrend alle anderen im Altersheim trauern, bleibt Meursaults Gesicht eine unbewegte Maske. Seine Augen registrieren die Umgebung, doch jede Regung scheint ihm fremd. Selbst als ein alter Freund der Mutter auf dem Weg zur Kirche unter der Sonne zusammenbricht. Im Gottesdienst bleibt der junge Mann gedankenverloren sitzen, w\u00e4hrend sich die Gemeinde erhebt. Diese fr\u00fchen Szenen legen den Grundton fest: ein Mann, der nicht f\u00fchlt oder nicht f\u00fchlen will.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Algier beginnt Meursault im Strandbad eine Aff\u00e4re mit Marie (Rebecca Marder), die \u00fcberrascht ist, wie schnell er nach dem Tod seiner Mutter wieder ins Kino gehen m\u00f6chte. Er lacht jedoch nicht \u00fcber den Kom\u00f6dianten Fernandel, und als sie fragt, ob er sie liebt, antwortet er, dass es keine Rolle spiele. Heiraten? Belanglos. Ozon zeigt Meursault als Beobachter, dessen Passivit\u00e4t ihn zugleich faszinierend und verst\u00f6rend macht. Oft ist das, was um ihn herum geschieht, interessanter als er selbst: Der Nachbar Raymond (Pierre Lottin) verpr\u00fcgelt seine arabische Geliebte, bekommt Probleme mit deren Bruder und zieht Meursault in seine Machenschaften hinein. Schlie\u00dflich kommt es am Strand zu jenem schicksalhaften Moment, der den Roman ber\u00fchmt gemacht hat: Meursault erschie\u00dft den Araber \u2013 ein Akt, der im Film ebenso r\u00e4tselhaft bleibt wie bei Camus.<\/p>\n<p>Der zweite Teil des Films verschiebt den Fokus. Vor Gericht wird weniger die Tat verhandelt als Meursaults Charakter philosophisch analysiert. Seine Gef\u00fchllosigkeit, seine Gleichg\u00fcltigkeit, seine Unf\u00e4higkeit zu trauern. Die Schwester des Ermordeten sagt unter Tr\u00e4nen: \u201eNur der Franzose interessiert, das Opfer ist allen egal.\u201c Dieser Satz verleiht dem Film eine aktuelle politische Sch\u00e4rfe, die Camus\u2019 existenzialistische Vorlage nur andeutet. Nur an zwei zentralen Stellen nutzt Ozon Voice-over mit Camus\u2019 Originaltext, was die Distanz zwischen Vorlage und Film noch deutlicher macht. Bemerkenswert ist auch, dass Ozon Djemila (Hajar Bouzaouit) \u2013 der Schwester des Ermordeten \u2013 eine Stimme gibt. Im Roman bleibt sie namenlos, im Film wird sie zur moralischen Instanz. Ozon macht sichtbar, wie koloniale Machtverh\u00e4ltnisse das Urteil pr\u00e4gen \u2013 und wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, einen Menschen nicht f\u00fcr seine Tat, sondern f\u00fcr seine Haltung zu verurteilen.<\/p>\n<p>\u00c4sthetisch ist \u201eDer Fremde\u201c ein radikaler Schritt. Ozon entschied sich f\u00fcr Schwarzwei\u00df, weil es \u201eReinheit, Abstraktion und Konzentration\u201c erm\u00f6gliche. Die Bilder sind reduziert, fast asketisch, mit wenigen Kamerabewegungen. Algerien erscheint wie ein verlorenes Paradies, zugleich real und entr\u00fcckt. Diese visuelle Strenge erinnert an die Serie \u201eRipley\u201c nach Patricia Highsmith: k\u00fchl, elegant, moralisch ambivalent. Zugleich verleiht Ozon dem historischen Kontext Tiefe. Sein eigener Gro\u00dfvater war Untersuchungsrichter in Algerien und \u00fcberlebte ein Attentat, bevor die Familie auf das franz\u00f6sische Festland zog \u2013 ein biografischer Schatten, der im Film mitschwingt. Ozon wollte Algier zeigen, wie es in den 1930er Jahren war: die Kasbah, den Hafen, die Sch\u00f6nheit und die Spannungen einer kolonialen Gesellschaft.<\/p>\n<p>\u201eDer Fremde\u201c feierte seine Weltpremiere in Venedig, seltsamerweise nicht in Cannes. Es ist ein Film, der fordert, der sich erst mit Hintergrundwissen vollst\u00e4ndig erschlie\u00dft und der die Frage stellt, wie wir Menschen beurteilen: nach ihren Taten oder nach ihrer Weltsicht.<\/p>\n<p>\u201eDer Fremde\u201c<br \/>\n(Frankreich 2025), Regie: Fran\u00e7ois Ozon, mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, 123 Minuten, FSK: ab 12<\/p>\n<div class=\"postie-attachments\"><a href=\"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?attachment_id=6787\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6787\" src=\"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/wp-content\/Vorschau-1-212x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"212px\" height=\"300px\" srcset=\"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/wp-content\/Vorschau-1-212x300.jpeg 212w, https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/wp-content\/Vorschau-1.jpeg 226w\" sizes=\"(max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Wagnis, sich an Albert Camus\u2019 \u201eDer Fremde\u201c zu versuchen \u2013 einem Klassiker der modernen Literatur. 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