{"id":6745,"date":"2025-09-30T07:20:31","date_gmt":"2025-09-30T05:20:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?p=6745"},"modified":"2025-09-30T06:20:58","modified_gmt":"2025-09-30T05:20:58","slug":"karla-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2025\/09\/30\/karla-2\/","title":{"rendered":"Karla"},"content":{"rendered":"<div class=\"postie-post\"><a href=\"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?attachment_id=6746\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/wp-content\/Bildschirmfoto2025-09-02um11.47.50-300x168.jpeg\" alt=\"{CAPTION}\" width=\"300px\" height=\"168px\" class=\"alignnone size-medium wp-image-6746\" srcset=\"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/wp-content\/Bildschirmfoto2025-09-02um11.47.50-300x168.jpeg 300w, https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/wp-content\/Bildschirmfoto2025-09-02um11.47.50.jpeg 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bei einem Sommerausflug der Familie nutzt die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Karla das Versteckspiel, um wegzulaufen. Damit will sie das Verstecken des Missbrauchs durch den Vater beenden. Inspiriert von einem wahren Fall erz\u00e4hlt das feinf\u00fchlige und bewegende Drama \u201eKarla\u201c vom kaum vorstellbaren Kampf eines M\u00e4dchens um Gerechtigkeit und ein gutes Leben.<\/p>\n<p>Mitten in einer Nacht des Jahres 1962 steht das stille, aber entschlossene M\u00e4dchen Karla Ebel (Elise Krieps) in einem Polizeirevier und verlangt, den Richter zu sprechen. Sie zeigt ihren eigenen Vater wegen Vergewaltigung an. Ihr Wissen \u00fcber die Rechtssituation und sogar den Wortlaut der Paragrafen hat sie in der Bibliothek erworben. Karla fragt zudem, ob Artikel 2 des Grundgesetzes \u2013 \u201eJeder hat das Recht auf Leben und k\u00f6rperliche Unversehrtheit\u201c \u2013 auch f\u00fcr Kinder gilt. Gl\u00fccklicherweise landet der Fall bei dem verst\u00e4ndnisvollen Richter Lamy (Rainer Bock), der zwar gutwillig, aber \u00fcberarbeitet ist. Seine Sekret\u00e4rin Erika Steinberg (Imogen Kogge) muss ihm erst zureden, damit er sich um diesen bis dahin einmaligen Fall k\u00fcmmert. Sie macht dem verschlossenen Einzelg\u00e4nger klar, dass es f\u00fcr Karla um ihre W\u00fcrde geht. Und sie zitiert die Dichterin Mascha Kal\u00e9ko: \u201eMan braucht nur eine Insel allein im weiten Meer. Man braucht nur einen Menschen, den aber sehr.\u201c<\/p>\n<p>So machen sich die beiden Geschundenen auf den schwierigen gemeinsamen Weg, eine Anklageschrift zu erstellen. Eine Situation, die noch heute unvorstellbar fordernd ist, ganz zu schweigen von den Sechzigern im schwarz-konservativen Deutschland Adenauers. Die Anzeige wurde damals ohne Anwesenheit einer Frau oder psychologischer Betreuung aufgenommen. Nach dem ersten Gespr\u00e4ch mit Lamy kommt Karla in einem von Nonnen geleiteten Heim unter und freundet sich mit einem M\u00e4dchen an, das fr\u00fcher als Prostituierte gearbeitet hat. Die Erinnerungen kommen im B\u00fcro des Richters und im Film nur ganz z\u00f6gerlich zur\u00fcck. Karla \u00fcbergibt sich, wenn sie an die Vergewaltigungen denkt. Daraufhin gibt Lamy ihr eine Stimmgabel, die sie in den Momenten einsetzen soll, in denen sie nicht sprechen kann. Gleichzeitig stellt das aufbegehrende, vergewaltigte Kind mit seinem Verlangen nach Geh\u00f6r und Ehrlichkeit das Rechtssystem auf die Probe.<\/p>\n<p>Filmisch bleibt dieses Langfilmdeb\u00fct der Deutsch-Griechin Christina Tournatz\u00e9s ebenfalls meist zur\u00fcckhaltend und verzichtet beispielsweise fast ganz auf Musik. Daf\u00fcr wirken die seltenen, expressiveren Stilmittel umso st\u00e4rker und bauen von Anfang an Spannung auf. Einmal legt der Vater Karla nahe, sich im See umzubringen, was die vielen Bilder unter Wasser nachtr\u00e4glich erkl\u00e4rt. Ansonsten besticht die dezente Kameraarbeit des ausgezeichneten Florian Emmerich mit gedeckten, dunklen Farben. Im Interview erz\u00e4hlte die Regisseurin, dass sie ihren Film \u201eganz aus Karlas Perspektive \u2013 und immer auf Augenh\u00f6he mit ihr\u201c gestaltet hat.<\/p>\n<p>Dass \u201eKarla\u201c sein schwieriges Thema auf derart sensible Weise meistert, liegt auch am fesselnden Spiel der Deb\u00fctantin Elise Krieps, sichtbar die Tochter von Wiebke Krieps (\u201eDer seidene Faden\u201c 2017, \u201eBergman Island\u201c 2021, \u201eIngeborg Bachmann \u2013 Reise in die W\u00fcste\u201c 2023). Sie verk\u00f6rpert Karla mit einer stillen Kraft, die besonders intensiv wirkt, wenn sie nichts sagt, nichts sagen kann. Rainer Bock beeindruckt als verst\u00e4ndnisvoller Richter. Seine eindrucksvolle Figur zeigt, wie sich ein Mann ohne spezifische psychologische Ausbildung von Empathie leiten lassen kann. Imogen Kogge unterst\u00fctzt als resolute Sekret\u00e4rin mit tragischer KZ-Geschichte den Kampf um Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Der letzte Teil ist dann als Epilog der spannenden emotionalen Abl\u00e4ufe ein Gerichtsfilm, in dem das Offensichtliche von allen Zeugen, von T\u00e4ter, Mutter und Br\u00fcdern geleugnet und verschwiegen wird. \u201eKarla\u201d erinnert wegen des gro\u00dfen Schrittes f\u00fcr die Gerechtigkeit an \u201eDer Staat gegen Fritz Bauer\u201d (2015) \u00fcber den ersten Auschwitz-Prozess unter Staatsanwalt Fritz Bauer. Auch bei \u201eKarla\u201c erinnert erst der Abspann an das unfassbare Ausma\u00df der Verbrechen. Bei Vergewaltigungen von Minderj\u00e4hrigen wird gesch\u00e4tzt, dass noch heute jedes f\u00fcnfte Kind Opfer wird.<\/p>\n<p>\u201eKarla\u201c<br \/>\n(Deutschland 2025), Regie: Christina Tournatz\u00e9s, mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge, 104 Minuten, FSK: ab 12<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einem Sommerausflug der Familie nutzt die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Karla das Versteckspiel, um wegzulaufen. Damit will sie das Verstecken des Missbrauchs durch den Vater beenden. Inspiriert von einem wahren Fall erz\u00e4hlt das feinf\u00fchlige und bewegende Drama \u201eKarla\u201c vom kaum vorstellbaren Kampf eines M\u00e4dchens um Gerechtigkeit und ein gutes Leben. 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