{"id":5109,"date":"2020-09-19T10:17:25","date_gmt":"2020-09-19T10:17:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?p=5109"},"modified":"2020-09-19T11:22:20","modified_gmt":"2020-09-19T10:22:20","slug":"persischstunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2020\/09\/19\/persischstunden\/","title":{"rendered":"Persischstunden"},"content":{"rendered":"<p>Russland, Wei\u00c3\u0178russland, BRD 2019 Regie: Vadim Perelman, mit Nahuel P\u00c3\u00a9rez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay 127 Min. FSK ab 12<\/p>\n<p>In der Tradition von \u00e2\u20ac\u017eDas Leben ist sch\u00c3\u00b6n\u00e2\u20ac\u0153 und \u00e2\u20ac\u017eJakob der L\u00c3\u00bcgner\u00e2\u20ac\u0153 zwingt das KZ-Drama \u00e2\u20ac\u017ePersischstunden\u00e2\u20ac\u0153 einen belgischen Juden, sein eigenes \u00e2\u20ac\u017ePersisch\u00e2\u20ac\u0153 zu erfinden und zu unterrichten. Nur diese L\u00c3\u00bcge kann ihm das Leben retten. Das historische Drama mit Nahuel P\u00c3\u00a9rez Biscayart und Lars Eidinger in den Hauptrollen bewegt mit einer poetischen Idee und dosierten Schrecken deutscher Geschichte.<\/p>\n<p>Der junge j\u00c3\u00bcdische Belgier Gilles (Nahuel P\u00c3\u00a9rez Biscayart) wirkt etwas naiv, als er 1942 im \u00c3\u00bcbervollen Gefangenen-Transport sein Brot gegen ein Buch mit seltsamen Schriftzeichen tauscht. Doch wie in bitteren M\u00c3\u00a4rchen wird dieses seine Rettung, als die Deutschen alle Juden in einem Wald grausam und regungslos erschie\u00c3\u0178en: Der scheinbar sinnlose Ruf \u00e2\u20ac\u017eIch bin Perser!\u00e2\u20ac\u0153 l\u00c3\u00a4sst die Todes-Schergen einhalten. Denn der Koch des nahen Konzentrationslagers sucht einen Iraner, weil er davon tr\u00c3\u00a4umt, in Teheran ein Restaurant zu er\u00c3\u00b6ffnen. So wird Gilles nach dr\u00c3\u00a4ngenden Fragen und unter Todesangst zum Lieblings-Gefangen des SS-Hauptsturmf\u00c3\u00bchrers Koch (Lars Eidinger). Er soll diesen in einer Sprache unterrichten, von der er kein einziges Wort kennt!<\/p>\n<p>Diese aberwitzige Situation ist auf eigene Weise spannend, weil man sich kaum vorstellen kann, dass jemand allein in seinem Kopf eine neue Sprache entwickelt und sich den wachsenden Wortschatz tats\u00c3\u00a4chlich merkt. Zudem kann Gilles, der tags\u00c3\u00bcber noch in der K\u00c3\u00bcche arbeiten muss, keinen Stift benutzen. Zum Gl\u00c3\u00bcck wird er auch als Schreibkraft f\u00c3\u00bcr die Lagerlisten eingeteilt und kann sich so heimlich ein chiffriertes W\u00c3\u00b6rterbuch erstellen.<\/p>\n<p>Vorlage des Films ist die Erz\u00c3\u00a4hlung \u00e2\u20ac\u017eErfindung einer Sprache\u00e2\u20ac\u0153 des renommierten Drehbuchautoren Wolfgang Kohlhaase. Darin ist der Gefangene ein niederl\u00c3\u00a4ndischer Student. Neben Ankl\u00c3\u00a4ngen an Roberto Benignis \u00e2\u20ac\u017eDas Leben ist sch\u00c3\u00b6n\u00e2\u20ac\u0153 erinnert die Geschichte auch an den alten DEFA-Film \u00e2\u20ac\u017eJakob der L\u00c3\u00bcgner\u00e2\u20ac\u0153 nach dem gleichnamigen Roman von Jurek Becker (Regie Frank Beyer). Zwei humanistische Kino-Traditionen, die im Kern fortgef\u00c3\u00bchrt werden, denn Gilles\u00e2\u20ac\u2122 L\u00c3\u00b6sung zum Memorieren der erfundenen Worte ist raffiniert und ber\u00c3\u00bchrt eine Essenz j\u00c3\u00bcdischen Gedenkens: Er nutzt die Namen der Gefangenen und Ermordeten, um daraus persisch klingende Worte zu bilden. So ist die Sprache, die der herzlose Offizier Koch so liebt, eine Erinnerung an die Menschen, die auch er umgebracht hat.<\/p>\n<p>Regisseur Vadim Perelman (\u00e2\u20ac\u017eHaus aus Sand und Nebel\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eDas Leben vor meinen Augen\u00e2\u20ac\u0153) baut auf schaurig gutes Schauspiel von Lars Eidinger, wenn dieser mit fast wahnsinnigem Blick sagt: \u00e2\u20ac\u017eWie du bereits gemerkt hast, bin ich ein gutm\u00c3\u00bctiger Mensch.\u00e2\u20ac\u0153 V\u00c3\u00b6llig von eigener G\u00c3\u00bcte \u00c3\u00bcberzeugt, gibt er Gilles andere Kleidung \u00e2\u20ac\u201c \u00e2\u20ac\u017eIch hab im Lager etwas zugenommen, aber dir sollten sie passen.\u00e2\u20ac\u0153 Dieser eklige, herrische Kommandant entgleitet zwar auch mal in Richtung Hitler-Imitation, ist aber durchgehend gelungen. Die Darstellung des Transport-Lagers ist architektonisch eine sorgf\u00c3\u00a4ltige und glaubhafte Mischung verschiedener realer Lager. Eindimensional sind hingegen alle anderen deutschen Figuren, alles Sadisten und Intriganten, dazu ordin\u00c3\u00a4r und banal. W\u00c3\u00a4hrend die andern um ihr \u00c3\u0153berleben k\u00c3\u00a4mpfen, besch\u00c3\u00a4ftigen sich die Soldaten und Lagerhelferinnen mit banalen Eifers\u00c3\u00bcchteleien, rachs\u00c3\u00bcchtigem Klatsch und Penisgr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178en. Auch wenn \u00e2\u20ac\u017ePersischstunden\u00e2\u20ac\u0153 nicht immer ausgewogen und gelungen ist, in der ersch\u00c3\u00bctternden Schlussszene verfehlte er seine Wirkung nicht.<\/p>\n<div class=\"postie-attachments\"><a href=\"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?attachment_id=5110\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.filmtabs.de\/ft\/wp-content\/image002-2.png?fit=176%2C249&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"176px\" height=\"249px\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5110\" \/><\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland, Wei\u00c3\u0178russland, BRD 2019 Regie: Vadim Perelman, mit Nahuel P\u00c3\u00a9rez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay 127 Min. 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