{"id":4707,"date":"2019-09-25T17:24:58","date_gmt":"2019-09-25T17:24:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?p=4707"},"modified":"2019-09-25T18:32:20","modified_gmt":"2019-09-25T17:32:20","slug":"deutschstunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2019\/09\/25\/deutschstunde\/","title":{"rendered":"Deutschstunde"},"content":{"rendered":"<p>BRD 2019 Regie: Christian Schwochow, mit Levi Eisenbl\u00c3\u00a4tter, Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Johanna Wokalek 125 Min. FSK ab 12<\/p>\n<p>Der 1968 erschienener Roman \u00e2\u20ac\u017eDeutschstunde\u00e2\u20ac\u0153 von Siegfried Lenz ist ein Klassiker der Literatur und auch auf der B\u00c3\u00bchne popul\u00c3\u00a4r. Das sehr wichtige Buch \u00c3\u00bcber den Widerstand der Kunst in den Zeiten von Diktatur wurde nach einer TV-Fassung von 1971 nun erstmals f\u00c3\u00bcrs Kino verfilmt. Christian Schwochow (\u00e2\u20ac\u017eBad Banks\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017ePaula\u00e2\u20ac\u0153) komprimiert den umfangreichen Roman mit sehr gutem Ensemble und gro\u00c3\u0178artigen Bildern von K\u00c3\u00bcsten- und Watt-Landschaft auf seinen Kern.<\/p>\n<p>In der \u00e2\u20ac\u017eDeutschstunde\u00e2\u20ac\u0153 macht der jugendliche H\u00c3\u00a4ftling Siggi Jepsen (Tom Gronau) aus einem Aufsatz mit dem Thema \u00e2\u20ac\u017eDie Freuden der Pflicht\u00e2\u20ac\u0153 eine R\u00c3\u00bcckblende auf die letzten Kriegsmonate. Sein strenger Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) ist regimetreuer Polizist in einem kleinen Dorf an der norddeutschen K\u00c3\u00bcste. Bei seinem Jugendfreund, dem expressionistischen K\u00c3\u00bcnstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), und dessen Frau Ditte (Johanna Wokalek) ist der elfj\u00c3\u00a4hrige Siggi (Levi Eisenbl\u00c3\u00a4tter) ein gern gesehener Gast. Nansen bringt dem staunenden Jungen das Zeichnen bei und \u00e2\u20ac\u017ewie man Schmerz malt\u00e2\u20ac\u0153. Bis der Polizist auf Weisung \u00e2\u20ac\u017eaus Berlin\u00e2\u20ac\u0153 ein Malverbot ausspricht, es mit zunehmender Verbissenheit \u00c3\u00bcberwacht und sogar die \u00e2\u20ac\u017ekranke Kunst\u00e2\u20ac\u0153 abtransportieren l\u00c3\u00a4sst. Siggi soll dabei helfen und ger\u00c3\u00a4t damit zwischen die Fronten. Noch dramatischer wird die Situation, als sich Siggis \u00c3\u00a4lterer Bruder Claas verwundet und fahnenfl\u00c3\u00bcchtig Sohn Claas hier verstecken will. Es w\u00c3\u00a4chst der Graben zwischen Menschen, die einfach helfen, und denen, die blind den Gesetzen folgen.<\/p>\n<p>Regisseur Christian Schwochow vertraut ganz auf die zentralen Elemente des Romans, um diese wirken zu lassen: Das ach so preu\u00c3\u0178ische Thema \u00e2\u20ac\u017eDie Freuden der Pflicht\u00e2\u20ac\u0153 wird durch die Geschichte blo\u00c3\u0178gestellt, dem Umgang mit \u00e2\u20ac\u017eEntarteter Kunst\u00e2\u20ac\u0153 stehen menschliche Schicksale gegen\u00c3\u00bcber. Die scharfen S\u00c3\u00a4tze des Romans (\u00e2\u20ac\u017eBrauchbare Menschen m\u00c3\u00bcssen sich f\u00c3\u00bcgen, mein Junge.\u00e2\u20ac\u0153) blitzen immer wieder auf. Da muss man nicht viel drumherum und dazu filmen.<\/p>\n<p>An der starken Wirkung des Films sind die exzellenten Darsteller sehr beteiligt: Tobias Moretti ist als Maler Nansen mit seiner ruppigen Frechheit und einer gro\u00c3\u0178en Sensibilit\u00c3\u00a4t wunderbar besetzt. Die unfassbare H\u00c3\u00a4rte des Jens Jepsen bekommt ausgerechnet der in seinen Kinderfilmen immer besonders nette Ulrich Noethen hin. Es ist \u00c3\u00bcberhaupt eine Freude, diese Darstellerriege zu erleben: Johanna Wokalek als k\u00c3\u00a4mpferische und liebende Ditte Nansen, und Maria Dragus verk\u00c3\u00b6rpert die frech ausbrechende Sexualit\u00c3\u00a4t von Siggis \u00c3\u00a4lterer Schwester Hilke.<\/p>\n<p>Aber auch die Aufnahmen des Films beeindrucken nachhaltig. Mit einer starken Szene von brennenden Bildern auf Malerstaffeleien am Strand beginnt Siggis Erinnerung. Bei seinen Erkundungen in einem verlassenen Haus, deren Bewohner \u00e2\u20ac\u017everschwunden\u00e2\u20ac\u0153 sind, werden seine Sammlungen toter Tiere gefilmt wie kleine Stillleben, als Memento mori. Die atemberaubende gute Kamera von Frank Lamm (\u00e2\u20ac\u017eBad Banks\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eDogs of Berlin\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017ePaula\u00e2\u20ac\u0153) macht dem Sujet Malerei alle Ehre. Aber nicht im expressionistischen Stil Emil Noldes, der im Roman von Lenz portr\u00c3\u00a4tiert wird, eher in dem der alten niederl\u00c3\u00a4ndischen Meister. Dabei geriet der Film trotz offener Landschaft oft bedr\u00c3\u00bcckend dunkel.<\/p>\n<p>Dass die Kanzlerin ihren Nolde k\u00c3\u00bcrzlich wegen Antisemitismus-Verdacht abgeh\u00c3\u00a4ngt hat, wirkt nicht auf den Roman von Lenz zur\u00c3\u00bcck. Dessen Kampf um die Freiheit der Kunst und die Anklage des fortgef\u00c3\u00bchrten kranken Gedankens von Pflicht und Ordnung in der Bundesrepublik Deutschland sind zu allgemeing\u00c3\u00bcltig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BRD 2019 Regie: Christian Schwochow, mit Levi Eisenbl\u00c3\u00a4tter, Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Johanna Wokalek 125 Min. FSK ab 12 Der 1968 erschienener Roman \u00e2\u20ac\u017eDeutschstunde\u00e2\u20ac\u0153 von Siegfried Lenz ist ein Klassiker der Literatur und auch auf der B\u00c3\u00bchne popul\u00c3\u00a4r. 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