{"id":45,"date":"2006-02-18T09:27:16","date_gmt":"2006-02-18T08:27:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2006\/03\/20\/blicke-lenken\/"},"modified":"2006-06-25T16:03:32","modified_gmt":"2006-06-25T15:03:32","slug":"blicke-lenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2006\/02\/18\/blicke-lenken\/","title":{"rendered":"Blicke lenken"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Unspektakul\u00c3\u00a4r Spektakul\u00c3\u00a4r&#8221; so fasste Festival-Chef Dieter Kosslick seine 5.Berlinale zusammen. Da passt es, dass gerade die stillen Filme Eindruck machten. Und ein Politikum. Heute Abend endet die 56.Berlinale mit der Preisverleihung. Die Entscheidungen der internationalen Jury um Pr\u00c3\u00a4sidentin Charlotte Rampling werden erstmals nicht vorher bekannt gegeben. Aus R\u00c3\u00bccksicht auf den Medienpartner ZDF, der gro\u00c3\u0178es Interesse zeigte und mit einem Studiounget\u00c3\u00bcm den Blick auf das abendliche Defilee versperrte.<br \/>\nNeben den \u00c3\u00bcblichen Stars &#8211; in diesem Jahr von Meryl Streep \u00c3\u00bcber George Clooney bis zu Vin Diesel &#8211; konnte Kosslick drei ehemalige Guantanamo-H\u00c3\u00a4ftlinge zur Premiere von &#8220;The Road to Guantanamo&#8221; auf dem roten Teppich begr\u00c3\u00bc\u00c3\u0178en. \u00c3\u0153berhaupt wurde weltweit und vom Autoren- bis zu einem Mainstream-Film wie &#8220;V for Vendetta&#8221; deutlich Kritik an demokratischen Regierungen. Da fliegt im gro\u00c3\u0178en, triumphierenden Finale das Westminster-Parlament minutenlang in die Luft &#8211; und es ist das Happy End f\u00c3\u00bcr den maskierten R\u00c3\u00a4cher in &#8220;Vendetta&#8221;! Da wird in &#8220;The Road to Guantanamo&#8221; des ehemaligen Berlinale-Siegers Michael Winterbottom (&#8220;In this Country&#8221;) gefoltert und erniedrigt &#8211; von amerikanischen und englischen Soldaten. Ein argentinischer Leibw\u00c3\u00a4chter erschie\u00c3\u0178t in dem konzentrierten Protokoll &#8220;El Custodio&#8221; (Der Schatten) seinen Chef, den Minister.<br \/>\nEbenso still intensiv wie &#8220;El Custodio&#8221;, der in Cannes Siegerfilm sein k\u00c3\u00b6nnte, erz\u00c3\u00a4hlt &#8220;Sehnsucht&#8221;, die gro\u00c3\u0178e \u00c3\u0153berraschung unter den vier deutschen Wettbewerbsbeitr\u00c3\u00a4gen: Valeska Grisebach (&#8220;Mein Stern&#8221;) inszenierte ihr Romeo und Julia auf einem brandenburgischen Dorfe mit Laien. Der verschlossene Schlosser Manfred wird Zeuge eines Selbstmords und kann sich danach nicht zwischen zwei Frauen entscheiden. Auf den ersten Blick macht die d\u00c3\u00b6rfliche Umgebung nicht viel her, doch das Drama wurde mit Raffinesse, viel mehr Magie und Kunst als der triste Hintergrund vermuten l\u00c3\u00a4sst und dem \u00c3\u00bcberraschendsten Ende des Festivals zum Geheimfavorit.<br \/>\nAls letzter Starter der deutschen, die sich gegen internationale Produktionsmillionen schwer taten, ging Hans-Christian Schmid (&#8220;Crazy&#8221;) mit &#8220;Requiem&#8221; gestern an den Start. Es geht ihm bei der Studentin, die in S\u00c3\u00bcddeutschland tats\u00c3\u00a4chlich von besessenen Priestern umgebracht wurde, nicht um den &#8220;Exorzismus der Emiliy Rose&#8221;, sondern &#8211; wohl auch biografisch &#8211; um enges Leben im d\u00c3\u00b6rflichen Milieu. Schmid, der Entdecker zuk\u00c3\u00bcnftiger Jungstars (Franka Potente, Robert Stadlober) beeindruckt mit der Hauptdarstellerin Sandra M\u00c3\u00bcller. Und mit Jens Harzer als &#8220;Exorzisten&#8221;, der in der jungen Reihe &#8220;Perspektive deutsches Kino&#8221; als zynischer &#8220;Lebensversicherer&#8221; eine ganz gro\u00c3\u0178e Show abzieht. Bester Darsteller war eindeutig Philip Seymour Hoffman als &#8220;Capote&#8221;. Dieser Mann kann ein zum Pinocchio recyceltes Branchenverzeichnis zur spannenden Figur machen. Wenn es einen echten Wettbewerb um den besten Schauspieler geben sollte, m\u00c3\u00bcsste Hoffman au\u00c3\u0178er Konkurrenz bleiben.<br \/>\nBei der durchaus reizvoll un\u00c3\u00bcbersichtlichen Berlinale konnte sich jeder Teilnehmer seine &#8220;Tendenz&#8221; selbst suchen. Aber es scheint ganz hilfreich, ein paar Themen auf die Plakate zu schreiben, wie das friedenssinnige &#8220;Shoot Movies, not People&#8221; in der Vergangenheit. Zum Gl\u00c3\u00bcck biederte sich nicht die ganze Berlinale dem jetzt schon unertr\u00c3\u00a4glichen WM-Balla-Balla an, nur eine Handvoll Filme zu dem Thema lie\u00c3\u0178en sich entdecken. Auch die Star-Frequenz kann ganz subjektiv beantwortet werden: Die einen kreischten bei George Clooney, die anderen vergingen in Verehrung vor japanischen Meistern wie Sabu in die Knie, andere wurden wiederum v\u00c3\u00b6llig \u00c3\u00bcbersehen. Als weitere Tendenz b\u00c3\u00b6te sich der schmutzige Witz an, nach dem Motto, wenn wir nicht mehr karikieren d\u00c3\u00bcrfen, dann lassen wir wenigstens richtig die Sau raus. Sexismus inklusive, aber Karneval steht ja sowieso vor der T\u00c3\u00bcr.<br \/>\nZum Abschluss versteckte man &#8220;Der Tiger und der Schnee&#8221;, das unertr\u00c3\u00a4gliche M\u00c3\u00a4rchen aus 1001-Kriegsnacht von Roberto Benigni im Programm. Die Unversch\u00c3\u00a4mtheit l\u00c3\u00a4uft am Publikumstag, wenn das Fachpublikum l\u00c3\u00a4ngst beim n\u00c3\u00a4chsten Festival ist. Der nervige italienische Komiker Benigni h\u00c3\u00a4tte einen Regisseur gebraucht, der seine Albernheiten in einem unblutigen Studio-Irakkrieg (ohne einen Toten!) bremst. Doch die nicht zu bremsende Quasselstrippe macht bei seinem &#8220;Das Leben ist sch\u00c3\u00b6n 2&#8221; vor nichts halt. Mal sehen, \u00c3\u00bcber welches Massenmorden er demn\u00c3\u00a4chst seine Scherze macht. Hoffentlich nicht auf der n\u00c3\u00a4chsten Berlinale.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Unspektakul\u00c3\u00a4r Spektakul\u00c3\u00a4r&#8221; so fasste Festival-Chef Dieter Kosslick seine 5.Berlinale zusammen. Da passt es, dass gerade die stillen Filme Eindruck machten. Und ein Politikum. Heute Abend endet die 56.Berlinale mit der Preisverleihung. Die Entscheidungen der internationalen Jury um Pr\u00c3\u00a4sidentin Charlotte Rampling werden erstmals nicht vorher bekannt gegeben. 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