{"id":4176,"date":"2018-04-02T11:03:35","date_gmt":"2018-04-02T11:03:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?p=4176"},"modified":"2018-04-02T12:12:20","modified_gmt":"2018-04-02T11:12:20","slug":"transit-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2018\/04\/02\/transit-2018\/","title":{"rendered":"Transit (2018)"},"content":{"rendered":"<p>BRD Frankreich 2018 Regie: Christian Petzold, mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, 101 Min. FSK: ab 12<\/p>\n<p>Christian Petzold, der Regisseur mit den kl\u00c3\u00bcgsten deutschen Filmen, versetzt seine \u00e2\u20ac\u017eGespenster\u00e2\u20ac\u0153 in einer genial freien Adaption von Anna Seghers\u00e2\u20ac\u2122 Roman \u00e2\u20ac\u017eTransit\u00e2\u20ac\u0153 aus dem Jahr 1944 in das Marseille verzweifelter deutscher Fl\u00c3\u00bcchtlinge. \u00e2\u20ac\u017ePhoenix\u00e2\u20ac\u0153 ist diesmal Georg (Franz Rogowski), der die Identit\u00c3\u00a4t des verstorbenen Schriftstellers Weidel annimmt, um ein Visum der mexikanischen Botschaft zu erhalten.<\/p>\n<p>Petzold geht den Stoff mutig mit der genialen Idee an, die Fl\u00c3\u00bcchtlings-Situation deutscher Immigranten mit der von afrikanischen Opfern des Heute zu verbinden. Die Kneipen, Polizeiwagen und -Sirenen aus Paris und Marseille sind gegenw\u00c3\u00a4rtig. Die Situation ist die des besetzten Frankreichs der 40er Jahre. Georg ist einer der Vertriebenen, der sich vor allem treiben l\u00c3\u00a4sst. Bei einem Gef\u00c3\u00a4lligkeitsgang kommen die Manuskripte, Briefe und Visa-Unterlagen von Weidel in seine H\u00c3\u00a4nde. Der Schriftsteller hat sich in seinem Pariser Hotel umgebracht. Und es ist vor allem das konsequente Missverstehen des Beamten in der Botschaft, das Georg veranlasst, die Identit\u00c3\u00a4t und damit die Visa und Fluchtm\u00c3\u00b6glichkeiten von Weidel anzunehmen. Doch auch Weidels Frau Marie (Paula Beer) ist in der Stadt und sucht ihren Mann, den sie in Paris sitzenlie\u00c3\u0178&#8230;<\/p>\n<p>Die Situation der Fl\u00c3\u00bcchtlinge ist nicht nur pervers, sie ist auch absurd: Man darf nur bleiben, wenn man nicht bleiben will. Nur wer Visa und Karten f\u00c3\u00bcr die rettenden Schiffspassagen hat, wird nicht verhaftet. Und alle Durchgangsl\u00c3\u00a4nder wollen zudem Transit-Visa. So findet das Leben im \u00e2\u20ac\u017eTransit\u00e2\u20ac\u0153 wartend in kleinen Hotels, den Lobbys der Konsulate, in den Caf\u00c3\u00a9s und Bars am Hafen statt. Georg freundet sich mit Driss an, dem dunkelh\u00c3\u00a4utigen Sohn seines auf der Flucht gestorbenen Genossen Heinz. Hier, beim Fu\u00c3\u0178ball-Spiel mit dem kleiner Jungen marokkanischer Abstammung, im Gespr\u00c3\u00a4ch mit deutschen Fu\u00c3\u0178ball-Vokabeln von heute vermischen sich die europ\u00c3\u00a4ischen Fl\u00c3\u00bcchtlingsstr\u00c3\u00b6me der 40er mit den aktuellen in anderer Richtung.<\/p>\n<p>Der raffiniert konstruierten Geschichte mit \u00c3\u00bcberraschender Wende mitten im Film gelingt ein \u00c3\u00a4u\u00c3\u0178erst spannender Identit\u00c3\u00a4tswechsel, mit dem man sich sofort in die Situation der Verfolgten versetzt f\u00c3\u00bchlt. Auf dieser \u00e2\u20ac\u017eRoad to Nowhere\u00e2\u20ac\u0153 (Talking Heads im Abspann), der Stra\u00c3\u0178e ins Nirgendwo, wollen all die fluchtbereiten Menschen ihre Geschichten erz\u00c3\u00a4hlen. Der Off-Text, \u00c3\u00bcblicherweise gerne der pure Originaltext, l\u00c3\u00a4sst dabei anachronistische Elemente einflie\u00c3\u0178en, wie George A. Romeros Zombiefilm \u00e2\u20ac\u017eDawn of the Dead\u00e2\u20ac\u0153 von 1978. Und das ist nicht nur ein \u00e2\u20ac\u017eGag\u00e2\u20ac\u0153, denn die Gestalten, die in Marseille in der Hoffnungslosigkeit feststecken, haben etwas von Zombies, von lebenden Toten. \u00c3\u0153berdies hungern und sterben sie in diesem Wartezimmer der Freiheit noch bevor die Deutschen tats\u00c3\u00a4chlich einmarschieren.<\/p>\n<p>Petzold setzt hier seine bekannten Motive um Nicht-Ort und fremde Identit\u00c3\u00a4ten auch aus \u00e2\u20ac\u017eYella\u00e2\u20ac\u0153 und \u00e2\u20ac\u017eWolfsburg\u00e2\u20ac\u0153 fort. Das ganze, vielleicht noch faszinierendere, ungeheuer kluge und dichte Gedankenkonstrukt dahinter ist in Begleittexten ausgebreitet. \u00e2\u20ac\u017eTransit\u00e2\u20ac\u0153 wird so zu einem Anti-\u00e2\u20ac\u017eCasablanca\u00e2\u20ac\u0153, einem deutlich entromantisierten , aber trotz der n\u00c3\u00bcchternen Inszenierung in einer verpassten Liebesgeschichte sehr emotionaler Blick auf Fl\u00c3\u00bcchtlinge vor dem Nazi-Regime. \u00e2\u20ac\u017eShooting Star\u00e2\u20ac\u0153 Franz Rogowski (\u00e2\u20ac\u017eLove Steaks\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eVictoria\u00e2\u20ac\u0153), der zuletzt in Hanekes \u00e2\u20ac\u017eHappy End\u00e2\u20ac\u0153 als Freund der Fl\u00c3\u00bcchtlinge beeindruckte, fesselt in der Hauptrolle mit der stillen Intensit\u00c3\u00a4t der allerbesten Leinwand-Stars. Sehr bewegend auch Paula Beer, die Hauptdarstellerin der aktuellen ZDF-Serie \u00e2\u20ac\u017eBad Banks\u00e2\u20ac\u0153, als orientierungslos herumirrende Marie mit der gro\u00c3\u0178en Frage \u00e2\u20ac\u017eWer vergisst schneller, der Verlassene oder die, die ihn verlassen hat?\u00e2\u20ac\u0153 Im au\u00c3\u0178erordentlich guten Ensemble zeigt die Besetzung des Barbesitzers und Erz\u00c3\u00a4hlers durch Matthias Brandt, wie genial dicht dieser Film gewebt ist: Der Sohn des Nazi-Fl\u00c3\u00bcchtlings Willy Brandt bewirtet hier quasi die Gespenster seiner V\u00c3\u00a4tergeneration.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BRD Frankreich 2018 Regie: Christian Petzold, mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, 101 Min. 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