{"id":3770,"date":"2017-02-18T13:39:54","date_gmt":"2017-02-18T12:39:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/?p=3770"},"modified":"2017-03-30T13:53:23","modified_gmt":"2017-03-30T12:53:23","slug":"berlinale-2017-abschluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2017\/02\/18\/berlinale-2017-abschluss\/","title":{"rendered":"Berlinale 2017 Abschluss"},"content":{"rendered":"<p>Heute Abend werden die Preise der 67. Berlinale verliehen (live bei 3Sat), nachdem der wohltemperierte Wettbewerb keine Sensationen, keinen Skandal und auch keine gro\u00c3\u0178en Favoriten auf die Goldenen B\u00c3\u00a4ren hervorbrachte. Ausgerechnet aus den politisch bedrohlich nach rechts abgewanderten Polen und Ungarn kamen zwei der Publikumslieblinge und die besten Regisseure waren Regisseurinnen.<\/p>\n<p>Das Ende des Wettbewerbs hatte exakt das gleiche Finalmotiv wie der Er\u00c3\u00b6ffnungsfilm \u00e2\u20ac\u017eDjango\u00e2\u20ac\u0153: Eine dramatische Flucht vor den faschistischen H\u00c3\u00a4schern durch den Wald zur rettenden Grenze. Statt der Nazis in der Biografie von Django Reinhardt sind es im \u00e2\u20ac\u017eX-Men\u00e2\u20ac\u0153-Ableger \u00e2\u20ac\u017eLogan\u00e2\u20ac\u0153 (au\u00c3\u0178er Konkurrenz) in naher Zukunft die Cyborg-Schergen eines milit\u00c3\u00a4risch-pharmazeutischen Komplexes, die Kinder nicht nach Kanada fliehen lassen wollen. Der erstaunlich zeitgem\u00c3\u00a4\u00c3\u0178 d\u00c3\u00bcstere Ausblick f\u00c3\u00bcr die USA gestaltete den \u00c3\u0153bergang von meist anderen, manchmal besonderen, \u00c3\u00b6fters bereichernden und selten begeisternden Festival-Filmen in den Kino-Alltag gelungen. Hugh Jackman gibt erneut \u00e2\u20ac\u017eWolverine\u00e2\u20ac\u0153, den popul\u00c3\u00a4rste Superhelden aus der Spielekiste der X-Men, und verleiht ihm in dem ebenso bewegenden wie eindrucksvollen Spektakel eine enorme Charaktertiefe.<\/p>\n<p>Bevor gestern noch der chinesische Zeichentrick \u00e2\u20ac\u017eHao ji le\u00e2\u20ac\u0153 (Einen sch\u00c3\u00b6nen Tag noch) und der rum\u00c3\u00a4nische Festivalliebling C\u00c4\u0192lin Peter Netzer (Goldener B\u00c3\u00a4r 2013 f\u00c3\u00bcr \u00e2\u20ac\u017eMutter &#038; Sohn\u00e2\u20ac\u0153) mit dem Beziehungsdrama \u00e2\u20ac\u017eAna, mon amour\u00e2\u20ac\u0153 den Wettbewerb abschossen, wurden die Filme der Ungarin Ildik\u00c3\u00b3 Enyedi, der Polin Agnieszka Holland und der Engl\u00c3\u00a4nderin Sally Potter, allesamt bereits sehr erfolgreiche \u00c3\u015360-Filmemacherinnen, am h\u00c3\u00b6chsten gehandelt. Tats\u00c3\u00a4chlich scheint eine vom deutschen Interessenverband ProQuote weiterhin geforderte, in Realit\u00c3\u00a4t nicht vorhandene Frauenquote den Wettbewerb gerettet zu haben. Die gleicherma\u00c3\u0178en poetische wie realistische Liebesgeschichte zwischen traumhaft flirtenden Hirschen im Winterwald und Tierverwertung im Schlachthof bei \u00e2\u20ac\u017eTestr\u00c5\u2018l \u00c3\u00a9s l\u00c3\u00a9lekr\u00c5\u2018l\u00e2\u20ac\u0153 (On Body and Soul) von Enyedi (\u00e2\u20ac\u017eMagic Hunter\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eMein 20. Jahrhundert\u00e2\u20ac\u0153) \u00c3\u00a4hnelt sogar motivisch Agnieszka Hollands \u00e2\u20ac\u017ePokot\u00e2\u20ac\u0153. Die R\u00c3\u00bcckkehr von Holland (\u00e2\u20ac\u017eDer Priestermord\u00e2\u20ac\u0153, \u00e2\u20ac\u017eHitlerjunge Salomon\u00e2\u20ac\u0153) auf die gro\u00c3\u0178e Leinwand nach einem Ausflug in die Welt der Serien, spielt in einer Landschaft mit wechselnden Jahreszeiten, deren wilde Sch\u00c3\u00b6nheit jedoch nicht \u00c3\u00bcber Korruption, Grausamkeit und Dummheit ihrer Bewohner hinwegt\u00c3\u00a4uscht. Ein waghalsiger Genremix aus komischer Detektivstory, spannendem \u00c3\u2013kothriller und feministischem M\u00c3\u00a4rchen. Ganz in der Geschlechter- und Politik-Kultur drehte Sally Potter, die schon vor einem Vierteljahrhundert mit \u00e2\u20ac\u017eOrlando\u00e2\u20ac\u0153 und Tilda Swinton das Transsexuellen-Manifest gedreht hat, an dem die Gesellschaften noch ranarbeiten, wie im Wettbewerb der chilenische \u00e2\u20ac\u017eUna mujer fant\u00c3\u00a1stica\u00e2\u20ac\u0153 mit Daniela Vega eindrucksvoll in der m\u00c3\u00a4nnlich\/weiblichen Hauptrolle zeigte. Potter hingegen ist mit \u00e2\u20ac\u017eThe Party\u00e2\u20ac\u0153 schon beim Post-Post-Feminismus und sezierte auch diesen so geistreich und komisch, dass sie oder ihr gro\u00c3\u0178artiges Ensemble (Patricia Clarkson, Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Bruno Ganz, Cillian Murphy) einen Preis bekommen m\u00c3\u00bcssen.<\/p>\n<p>Womit sich im Ausklang der gro\u00c3\u0178en Berlinale-Party, bei der \u00c3\u00bcber Trump fast so viel geredet wurde, wie \u00c3\u00bcber Film, die Frage nach dem Sinn der Sache stellt. Man kann von Spielfilmen, die meist Jahre an Vorlauf brauchen, keinen aktuellen Kommentar zum letzten Twitter-Hirnriss erwarten. Dass \u00e2\u20ac\u017eThe Party\u00e2\u20ac\u0153 und \u00e2\u20ac\u017eThe Dinner\u00e2\u20ac\u0153 mit Richard Gere zuf\u00c3\u00a4llig gerade Moral und Politik trotzdem klug verkn\u00c3\u00bcpften, liegt an Qualit\u00c3\u00a4t und Gesp\u00c3\u00bcr der Filmemacher. Aber ist tagelang im Kino sitzen und dann auf der Pressekonferenz eine Protestnote dranh\u00c3\u00a4ngen nicht ebenso wirkungslos wie seine Meinung auf Facebook kund zu tun? Lessings alte Theater-Idee von der Katharsis, der Reinigung durch Furcht und Mitleid, \u00c3\u00bcbertragen auf die Bildung eines besseren Menschen durch anspruchsvollen Film erweist sich als hinf\u00c3\u00a4llig, wenn man nur einmal in das unzivilisierte Gedr\u00c3\u00a4nge vor den Festivalkinos eintaucht. <\/p>\n<p>Ganz weit weg von gro\u00c3\u0178en Fragen waren die zwei extrem schwachen deutschen Spielfilme im Wettbewerb, denen Volker Schl\u00c3\u00b6ndorffs Altherren Sentimentalit\u00c3\u00a4t \u00e2\u20ac\u017eReturn to Montauk\u00e2\u20ac\u0153 den Rest gab: Darin taucht der international sehr angesehene deutsche Regisseur (\u00e2\u20ac\u017eDie Blechtrommel\u00e2\u20ac\u0153) wieder in das Universum seines Freundes Max Frisch ein. Zu Lebzeiten des Schweizer Dichters verwarfen beide allerdings eine Verfilmung der \u00e2\u20ac\u017ezu autobiografischen\u00e2\u20ac\u0153 Geschichte eines Wiedersehens des \u00c3\u00a4lteren und verheirateten Dichters mit der Geliebten von damals. Vorlage ist nun ein Original-Drehbuch, das Schl\u00c3\u00b6ndorff gemeinsam mit Colm T\u00c3\u00b3ib\u00c3\u00adn (\u00e2\u20ac\u017eBrooklyn\u00e2\u20ac\u0153) schrieb. Doch das Ergebnis ist eine Senioren-Romanze von und f\u00c3\u00bcr Kreative, die sich gro\u00c3\u0178artig und von ihren Frauen verlassen f\u00c3\u00bchlen. Aber sonst nicht mehr viel vom Leben der anderen mitbekommen. \u00e2\u20ac\u017eReturn to Montauk&#8221; qu\u00c3\u00a4lte den Wettbewerb als beschauliches, tr\u00c3\u00a4ges Kino von gestern. Damit zeigten sich die drei deutschen Starter im Wettbewerb bis auf \u00e2\u20ac\u017eBeuys\u00e2\u20ac\u0153, der als einzige Dokumentation ganz aus der Reihe f\u00c3\u00a4llt,  komplett deplatziert und entt\u00c3\u00a4uschend. Chancen f\u00c3\u00bcr Preise gibt ihnen keiner.<\/p>\n<p>Der obligatorische Berlin-Film der Berlinale war diesmal voll bitterer Ostalgie. \u00e2\u20ac\u017eIn Zeiten des abnehmenden Lichts\u00e2\u20ac\u0153 (Regie: Matti Geschonneck) lief in der \u00e2\u20ac\u017eSpecial\u00e2\u20ac\u0153-Sektion voller Filme, die sicher im deutschen Kino landen. Bruno Ganz hatte darin seinem zweiten Berlinale-Auftritt. Der gr\u00c3\u00b6\u00c3\u0178te F\u00c3\u00bchrer-Darsteller aller Zeiten zeigt nun einen herrischen SED-Parteigenossen aus dem Osten, der 1989 noch seinen 90. Geburtstag feiert und dann p\u00c3\u00bcnktlich zum Ende der DDR den L\u00c3\u00b6ffel abgibt. Der renommierte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase verdichtet den Erfolgsroman von Eugen Ruge zu einem filmischen Gesellschaftsbild, in dem 100 Jahre Partei- und deutsche Geschichte am Beispiel einer deutsch-russischen Familie aufgezeigt werden. Am Ende geht es wieder zur\u00c3\u00bcck ins sibirische Lager und scheinbar, auch nach dem Eindruck dieser Berlinale, lohnt sich der cineastische Blick nach Osten gerade wieder besonders. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute Abend werden die Preise der 67. Berlinale verliehen (live bei 3Sat), nachdem der wohltemperierte Wettbewerb keine Sensationen, keinen Skandal und auch keine gro\u00c3\u0178en Favoriten auf die Goldenen B\u00c3\u00a4ren hervorbrachte. Ausgerechnet aus den politisch bedrohlich nach rechts abgewanderten Polen und Ungarn kamen zwei der Publikumslieblinge und die besten Regisseure waren Regisseurinnen. 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