{"id":236,"date":"2006-09-05T19:20:45","date_gmt":"2006-09-05T18:20:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2006\/09\/05\/mit-der-brechstange-world-trade-center-platt-gemacht\/"},"modified":"2006-09-05T19:20:45","modified_gmt":"2006-09-05T18:20:45","slug":"mit-der-brechstange-world-trade-center-platt-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2006\/09\/05\/mit-der-brechstange-world-trade-center-platt-gemacht\/","title":{"rendered":"Mit der Brechstange &#8220;World Trade Center&#8221; platt gemacht"},"content":{"rendered":"<p>  <title>Mit der Brechstange &quot;World Trade Center&quot; platt gemacht<\/title>   <font FACE=\"Verdana, Helvetica, Arial\"> <br \/> Venedig. Ist es &quot;gutes Timing&quot; oder makabre Koinzidenz? Zwischen dem 1.Jahrestag der Katrina-&Uuml;berschwemmung von New Orleans und dem 5. Jahrestag von New Yorks 9\/11 liegt das 63. Filmfestival von Venedig. Und mit vollem Bewusstsein &uuml;ber den Reiz eines solchen &quot;Clash of Civilisations&quot; legte man die hei&szlig; ersehnten Neulinge vom schwarzen B&uuml;rgerrechtler Spike Lee und dem wei&szlig;en Ex-Soldaten und Geschichte(n)-Filmer Oliver Stone auf den gleichen Tag. Das Ergebnis vorweg: Denen das Wasser schon immer (sozial) bis zum Hals stand, gibt man weit mehr Sympathien als dem Hafenpolizist Nicolas Cage unter Schutt und Asche.<br \/> &nbsp;<br \/> Beide Amerikaner sind exzellente Filmemacher. Wobei man oft denkt, Spike Lee filmt mit dem Herzen, oft auch mit Wut im Bauch. Oliver Stone hingegen filmt haupts&auml;chlich mit der Brechstange! Beim pers&ouml;nlich recht k&auml;mpferischen Mann, der die Bilder zu &quot;J.F.K.&quot;, &quot;Nixon&quot; und dem &quot;Fourth of July&quot; neu gepr&auml;gt hat, und zwischendurch Staatsfeind Fidel Castro freundlich portr&auml;tierte, war ein Kommentar zu 9\/11 unvermeidlich.<br \/> &nbsp;<br \/> &quot;World Trade Center&quot; ist eine Hymne auf New Yorks Finest, die tapferen Feuerwehrleute und Polizisten der Stadt. Also nicht die, die Drogenhandel, Prostitution und Wettgesch&auml;ft kontrollieren. Die sah man im entt&auml;uschend braven Er&ouml;ffnungsfilm von Brian De Palma, der in &quot;The Black Dahlia&quot; nur einmal seine Inszenierlust zeigte und ansonsten die Kunstst&uuml;ckchen im Dienst einer nicht ganz typischen, aber auch nicht sensationell anderen Detektiv-Geschichte stellte.<br \/> &nbsp;<br \/> Oliver Stone schickt eine Truppe von Hafenpolizisten nach dem Einschlag des ersten Fliegers zum Evakuieren in die T&uuml;rme des World Trade Center. Unter der F&uuml;hrung ihres Sergeanten John (Nicolas Cage) werden die diensteifrigen M&auml;nner, bevor sie &uuml;berhaupt helfen k&ouml;nnen, selbst versch&uuml;ttet. Zwei von ihnen &uuml;berleben die Einst&uuml;rze der Hochh&auml;user, sind aber unter schweren Tr&uuml;mmern eingeklemmt. Zwischen aufmunternden und pers&ouml;nlichen Gespr&auml;chen, schleudert der Film Feuerb&auml;lle auf sie, l&auml;sst Schutt und Asche regnen. Das Kino bebt vor lauter B&auml;ssen, als weiterer Anschlag auf die Gef&uuml;hle wird brutal auf die teilweise schwangeren Frauen der Helden geschnitten.<br \/> &nbsp;<br \/> (Spike Lee hatte den Kommentar zu seinem New York schon l&auml;ngst in einer guten Kurzfilmsammlung abgegeben.)<br \/> &nbsp;<br \/> &quot;World Trade Center&quot; ist eigentlich eher Bergarbeiterdrama als 9\/11-Film. Stone schlachtet das nationale Trauma &auml;u&szlig;erst geschickt und handwerklich ekelerregend effektiv f&uuml;r Kinokasse aus. Effekt- statt Reflektier-Kino. Dass man angesichts von fast 3000 Toten erleichtert aus dem Kino kommt, weil Nicolas Cage &uuml;berlebt hat, ist perverse Leichenfledderei. Dazu legt Stone geschichts-klitternd dumme Propaganda-Phrasen, die den aktuellen Weltkrieg herbeif&uuml;hrten, in den Mund des einfachen Mannes vor dem Fernseher: &quot;Wir sind im Krieg.&quot; Wenn dann noch der rettende Marine als Last Minute-Ersatz f&uuml;r die Kavallerie des Western von Gott geschickt wird, kann sich Stone des Buhkonzerts nach der Pressevorf&uuml;hrung sicher sein. Stone kann viel, nur nicht sich zur&uuml;ckhalten.<br \/> &nbsp;<br \/> Lieber Herr Stone, 9\/11 passiert nicht, weil alle Menschen so lieb wie in Ihrem Film sind. Und es h&ouml;rt auch nicht auf, wenn wir nur solche dummen Hurra-Streifen zu sehen bekommen. Da w&auml;re als Gegengift der dritte USA-Film des Tage zu empfehlen: &quot;The U.S. vs. John Lennon&quot;, oder: wie das FBI John Lennon ermordete. Noch so eine Verschw&ouml;rungstheorie, dachte man anfangs erschreckt. Doch David Leaf und John Scheinfeld zeigen in ihrer Dokumentation, was man vielleicht noch nicht von Lennon und Yoko Ono wusste, setzen all die Ohrw&uuml;rmer des Ex-Beatle in einen politischen Kontext und stellen die Frage, weshalb wir heute keine Aktionen wie &quot;Bed Peace&quot; oder Lieder wie &quot;Give Peace a Chance&quot; haben. Dass zwischen Vietnam und Irak kaum ein Unterschied ist, sagt Gore Vidal ganz deutlich. Und er muss es wissen, war er doch schon immer dabei. Bei &quot;Ben Hur&quot; als Drehbuchautor, w&auml;hrend der Kuba-Krise als Freund und Berater der Kennedys, als Senator, als Buch- und Drehbuch-Autor sowie immer, wenn es kluger Gedanken bedarf. Irgendwann wird man unsere Zeit als Gore Vidal-Epoche bezeichnen&#8230;<br \/> &nbsp;<br \/> Wie &uuml;bel es beim Sorgenkind der Staatengemeinschaft, den USA, zuhause aussieht, legt Spike Lee in &uuml;ber vier Stunden, spannend, ergreifend, klug und schl&uuml;ssig dar: Die Interviews, die Dokumentarbilder, Fotos und vor allem die Hintergrundmusiken in &quot;When the Levees broke&quot; (Als die D&auml;mme brachen) geben den vermeintlich bekannten Ereignissen von New Orleans menschliche Tiefe. Sie machen die Tragik der sozialen Katastrophe deutlich, die erst begann, als der Hurrikane vor&uuml;ber war. Die meist armen Menschen wurden einfach vergessen. Die Armee war schneller mit Hilfslieferungen bei den Tsunami-Opfern in Indonesien als mit Trinkwasser bei den eigenen B&uuml;rgern in Louisiana! Dass diese schon abgeschrieben wurden, als man die D&auml;mme nicht anst&auml;ndig und hoch genug baute, ist ein anderer Skandal einer selbstgerechten, arroganten und abgehobenen Regierung. Auch so kann man Menschen umbringen, der latenten Gewalt von Vernachl&auml;ssigung.<br \/> &nbsp;<br \/> Es ist schon bedenkenswert, wie viel Aufmerksamkeit all diese Katastrophen der USA erhalten, w&auml;hrend in China jedes Jahr vergleichbare &Uuml;berschwemmungen stattfinden. Und noch mehr S&auml;cke Reis umfallen. Aber das ist eine Frage der eigenen Perspektive, kann man doch gerade bei der Biennale von Marco M&uuml;ller viel aus anderen L&auml;ndern und von anderen Kontinenten sehen.<\/p>\n<p> <\/font>  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Brechstange &quot;World Trade Center&quot; platt gemacht Venedig. Ist es &quot;gutes Timing&quot; oder makabre Koinzidenz? Zwischen dem 1.Jahrestag der Katrina-&Uuml;berschwemmung von New Orleans und dem 5. Jahrestag von New Yorks 9\/11 liegt das 63. Filmfestival von Venedig. 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