{"id":1599,"date":"2011-02-17T16:30:05","date_gmt":"2011-02-17T14:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2011\/02\/17\/wer-wenn-nicht-wir-im-wettbewerb-der-berlinale-2011\/"},"modified":"2011-03-17T15:19:35","modified_gmt":"2011-03-17T14:19:35","slug":"wer-wenn-nicht-wir-im-wettbewerb-der-berlinale-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.filmtabs.de\/ft\/2011\/02\/17\/wer-wenn-nicht-wir-im-wettbewerb-der-berlinale-2011\/","title":{"rendered":"WER WENN NICHT WIR im Wettbewerb der Berlinale 2011"},"content":{"rendered":"<p>Berlin. Was ist privat, was politisch? Diese Frage besch\u00c3\u00a4ftigte und besch\u00c3\u00a4ftigt immer wieder politisch aktive Menschen, selbstverst\u00c3\u00a4ndlich auch den linken Protest der Sechziger und Siebziger in der Bundesrepublik. Die Themen in &#8216;Wer wenn nicht wir&#8217;, dem komplexen Spielfilm-Deb\u00c3\u00bct des ausgezeichneten Dokumentaristen Andres Veiel (&#8216;Balagan&#8217;, &#8216;Black Box BRD&#8217;, &#8216;Der Kick&#8217;), sind Beziehung und Engagement von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, sind privat und politisch. &#8216;Wer wenn nicht wir&#8217; lief gestern Abend im Wettbewerb der Berlinale &#8211; quasi als Gegengift zu &#8216;Mein bester Feind&#8217; von Wolfgang Murnberger, die es als Kom\u00c3\u00b6die mit Moritz Bleitreu als j\u00c3\u00bcdischer Kunsth\u00c3\u00a4ndler in SS-Uniform schaffte, KZs, Holocaust und Weltkrieg fast v\u00c3\u00b6llig zu vergessen.<\/p>\n<p>\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Die Szenen von Pr\u00c3\u00bcgel-Persern und Polizei bei der Hofierung des Persischen Schahs 1967 in Berlin sind der Schnittpunkt von &#8216;Wer wenn nicht wir&#8217; mit Eichingers &#8216;R.A.F.&#8217;. Doch Veiel blickt hinter die Klischees, hinter die Phrasen von der radikalisierten Pastorentochter (nein, nicht die, die Ensslin ist gemeint). Anfang der Sechziger siezst man sich noch an der Uni und auch sonst wo, selbst junge M\u00c3\u00a4nner (er-)tragen Krawatten und \u00c3\u00bcberall rauchen Zigaretten. Bernward Vesper (August Diehl) beginnt sein Studium in T\u00c3\u00bcbingen, diskutiert und diniert mit Walter Jens. Der engagierte Student Vesper tr\u00c3\u00a4gt allerdings eine schwere Last, sein verehrter Vater Will war Gro\u00c3\u0178schriftstellers der Nazis, schrieb Gru\u00c3\u0178verse an den F\u00c3\u00bchrer. W\u00c3\u00a4hrend Bernward Papas Werke im nebenbei gegr\u00c3\u00bcndeten Verlag wieder rausbringen will, begeistert er sich auch f\u00c3\u00bcr linke Autoren und Ideen. Darin findet er sich mit der Kommilitonin Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis), die bald Mitbewohnerin, Freundin, \u00c3\u0153bersetzerin und Sekret\u00c3\u00a4rin wird. Eine andere Freundin zieht gleich mit ein, denn &#8216;warum muss ein Dreieck immer zur Geraden schrumpfen?&#8217; Mit solchen Spr\u00c3\u00bcchen gibt sich Gudrun zwar offen, doch auf Bernwards Liebschaften reagiert sie immer wieder mit radikalen Selbstverletzungen. Nach 1964 sind Bernward und Gudrun in West-Berlin Teil der au\u00c3\u0178erparlamentarischen Opposition. Doch dann ist da auf einer Party dieser Andreas Baader (Alexander Fehling). Ein frecher Prolet, ein Macho mit dickem Schlitten und Ego, ein Mann der Tat, w\u00c3\u00a4hrend Bernward die Gesellschaft mit seinen B\u00c3\u00bcchern ver\u00c3\u00a4ndern will.<\/p>\n<p>\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>&#8216;Wer wenn nicht wir&#8217; basiert auf dem Sachbuch &#8216;Vesper, Ensslin, Baader &#8211; Urszenen des deutschen Terrorismus&#8217; von Gerd Koenen. Exakt solche Urszenen zeichnet Veiel mit gelungener Inszenierung und tollem Schauspiel nach: Die Entwicklung junger Menschen. Gudrun Ensslin wirkt schon jung hart im Gesicht und im Ausdruck. Doch erst als Baader mit dem Telefonkabel die Verbindung zu ihrem Sohn aus der Wand rei\u00c3\u0178t, endet Jahre sp\u00c3\u00a4ter zumindest formal die Zerrissenheit der nun offiziellen Terroristin. Ganz ohne Dokumentation kommt Veiel auch diesmal nicht aus, die Einbettung in die Weltpolitik gelingt mit historischem Material und super Ausstattung hervorragend. Dabei beobachtet man aber vor allem die Nuancen der pers\u00c3\u00b6nlichen und politischen Handlungen. Auch wenn der Film in der verzweifelten Trag\u00c3\u00b6die eines Liebenden endet, sich politische Analyse und pers\u00c3\u00b6nliches Mitf\u00c3\u00bchlen die Waage halten, verschenkt Veiel diese detaillierte Nachzeichnung mit den Mitteln der Fiktion nie an gro\u00c3\u0178e Gef\u00c3\u00bchle, die andere als Maxim der Unterhaltung zentral setzen. Eine spannende Balance zwischen Politischem und Pers\u00c3\u00b6nlichem, die wohl eher f\u00c3\u00bcr deutsche Zuschauer interessant ist. Als gro\u00c3\u0178er Favorit auf den Goldenen B\u00c3\u00a4ren ragt weiterhin allein das Drama von Schuld und Scharia &#8216;Nader And Simin, A Separation&#8217; des Iraners Asghar Farhadi (&#8216;About Elly&#8217;) in der d\u00c3\u00bcrren Ebene eines kargen Wettbewerbes hervor.<\/p>\n<p>\u00c2\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin. Was ist privat, was politisch? Diese Frage besch\u00c3\u00a4ftigte und besch\u00c3\u00a4ftigt immer wieder politisch aktive Menschen, selbstverst\u00c3\u00a4ndlich auch den linken Protest der Sechziger und Siebziger in der Bundesrepublik. 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