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Der Passfälscher

Deutschland, Luxemburg 2021, Regie: Maggie Peren, mit Louis Hofmann, Jonathan Berlin, Luna Wedler, 116 Min., FSK: ab 6

„Das hat schon seine Richtigkeit, dass ihr dann euresgleichen weggeräumt!“ bekommt der Jude Cioma Schönhaus (Louis Hofmann) von der linientreuen Hausmeisterin zu hören, als er die Leichen von Nachbarn, die sich mit Ofengasen umgebracht haben, in den Keller bringen soll. Das ist dann aber auch einer der wenigen schockierenden Momente in den Lebenserinnerungen von Schönhaus (1922-2015), der mit einer erschreckenden Leichtigkeit und enormem Optimismus den antisemitischen Terror der Nazi überlebte.

Cioma Schönhaus ist „Der Passfälscher“ keineswegs aus politischer Überzeugung oder aus einem Widerstandsgeist. Der junge Grafiker fälscht 1942 Kennkarten, um sein gutes Leben ohne Judenstern weiterführen zu können. Zusammen mit seinem besten Freund Det (Jonathan Berlin) verkauft er die Wertsachen aus der Wohnung seiner Eltern, die bereits deportiert wurden. Zwar verschließt ein hinkender Nazi-Bürokrat alles hinter Siegeln, doch Cioma schert so was nicht. Die Marktweiber, welche die Freunde mit Lebensmitteln versorgen, beschenkt er mit ganzen Stoffballen. Die kriegswichtige Arbeit, die ihn vor dem Abtransport schützt, erledigt er mehr schlecht als recht. Begeistert begibt er sich auf Feiern und geht regelmäßig ausessen. Auch schon mal zusammen mit Det in geborgten Marine-Uniformen. Dabei lernt er Gerda (Luna Wedler) kennen und lieben. Auch eine Jüdin, die sich auch mit geborgter Identität unter die Nazis mischt. Allerdings nur aus purer Not für Lebensmittelkarten. Ansonsten kann sie nichts mit dem Leichtsinn Ciomas anfangen. Er begibt sich mitten ins Leben und unter Menschen, weil seiner Ansicht nach die besten Verstecke dort sind, wo alle hinsehen! Cioma nennt es Mimikry, wird aber vom Auftraggeber der Fälschungen, einem Widerstandskämpfer, welcher später der Gestapo in die Hände fällt, zurechtgestutzt.

Basierend auf Schönhausens autobiografischen Bericht „Der Passfälscher“ hat Autorin und Regisseurin Maggie Peren („Die Farbe des Ozeans“, „Stellungswechsel“, „Napola – Elite für den Führer“) einen erstaunlichen Geschichtsfilm inszeniert. In einem zentralen Dialog mit einem älteren Fälscher meint dieser: „Ich glaube, sie unterschätzen die Welt da draußen und sie übersetzen ihre Rolle darin.“ Ciomas typisch freche Antwort lautet: „Ich glaube, ich schätze die Welt zu sehr, um nicht eine Rolle darin einzunehmen.“ Der junge Schauspieler Louis Hofmann („Dark“ „Unter dem Sand“, „Freistatt“) macht diesen jüdischen Hochstapler in der Tradition von Felix Krull mit seinem unglaublichen Einfallsreichtum, Charme und einer gehörigen Portion Chuzpe glaubhaft. Als der Täuscher, der immer mit einem ramponierten Badeausweis unterwegs ist, doch mal in der Klemme steckt, nimmt er dreist den faschistischen Kommandoton an und meistert auch diese Notsituation. So wie vielleicht seine Wahrnehmung, versucht der Film, grausame Realitäten weitgehend auszublenden. Da dies nicht gelingen kann, ist auch „Der Passfälscher“ bei aller Scharlatanerie eindringlich erschreckend. Eine erstaunliche (Lebens-) Geschichte in angemessener filmischer Umsetzung. Der wahre Schrecken wird in Textzeilen vor dem Abspann nachgereicht.


Ein FILMtabs.de Artikel