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Meine Stunden mit Leo

Großbritannien 2022 (Good Luck to you, Leo Grande) Regie: Sophie Hyde, Emma Thompson, Daryl McCormack, 97 Min., FSK: ab 12

Gegen Unsicherheit und Nervosität hilft Nancy (Emma Thompson) auch kein Sekt. Sie wartet in der unpersönlich sterilen Umgebung eines Hotelzimmers. Nancy ist eine seit zwei Jahren verwitwete Lehrerin im Ruhestand. Nun hat sie sich endlich getraut und auf die Anzeige eines Callboys geantwortet. Der junge Leo Grande (Daryl McCormack) – das sehen wir schon auf seinem Weg ins Hotel – ist hingegen völlig entspannt, locker, charmant zu jedem. Auch die erste Annäherung, respektvoll, höflich: „Ist es ok, wenn ich Sie zur Begrüßung auf die Wange küsse?“

Diese entspannte Haltung braucht er allerdings bei dieser schwierigen Kundin: Bevor sich Nancy etwas Spaß erlaubt, muss die Verkopfte erst intellektuell abklären, ob das in Ordnung ist, mit einem „Sex worker“, einem Sex-Arbeiter. Gefällt ihm der Job? Wieso macht er das? Und dann die Vorbehalte gegenüber dem eigenen Aussehen: Ob sie wohl die älteste Frau sei, mit der er jemals …?

„Meine Stunden mit Leo“ sind gebuchte Stunden von Nancy mit einem Sex-Arbeiter in einem Hotelzimmer. Allerdings geht es um Sex vor allem im Gespräch. Bevor wir ein wenig nackte Haut sehen, entblößen sich beide in ihrer Persönlichkeit bei diesem intensiven, geistreichen und berührenden Kammerspiel. Dabei öffnet sich zuerst die ältere Frau in ihrem nervösen Redefluss. Auf den ersten Blick weiß die ehemalige Lehrerin genau, was sie will. Der aufgeregte Monolog bringt gleich einen Haufen Geständnisse: Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes will sie das erste Mal wieder Sex haben. Aber tatsächlich wäre Leo auch erst der zweite Mann überhaupt in ihrem Leben. Ein Leben, in dem sie noch nie einen Orgasmus gehabt hat und nicht mehr bereit ist, ihn vorzutäuschen, wie sie es immer bei ihrem Mann gemacht hat. Diese Offenheit ist mehr gewagt als pure Nacktheit.

Nun hat sie eine Liste mit sexuellen Praktiken, die sie ausprobieren möchte. Doch zwischen zu vielem Denken und jugendlicher Ängstlichkeit leitet Leo weise den Weg zu wahren Bedürfnissen. Nancy muss herausfinden, was sie eigentlich will. Dabei werden Klippen wie wenig sexy Gespräche über Mütter und Söhne umschifft. Allerdings wird es von Treffen zu Treffen immer persönlicher. Nancy überschreitet die Grenzen ihrer Vereinbarung und setzt die Treffen aufs Spiel…

Wie gut „Meine Stunden mit Leo“ der australischen Regisseurin Sophie Hyde gelungen ist, wird bei der Vorstellung klar, wie peinlich, schmierig oder lächerlich alles leicht hätte werden können. Mit der gleichen Sensibilität, die Leo an den Tag legt, lässt der Film den Unsicherheiten seiner weiblichen Hauptfigur Raum. Es lässt sich lächeln, aber vor allem mehr und mehr mitfühlen mit einer hoffentlich historischen Sexual-Biografie, die in mehreren „Sitzungen“ überwunden wird.

Oscar-Gewinnerin Emma Thompson machte ihre eindrucksvolle Karriere nicht nur anfangs mit großartigen Literatur-Interpretationen wie „Wiedersehen in Howards End“ (1992), „Was vom Tage übrig blieb“ (1993) oder „Viel Lärm um nichts“ (1993). Es ist generell ihre sichere Rollen-Wahl, die auffällt. Auch wenn sie mit „Cruella“ (2021), „Men in Black“ und „Harry Potter“ mittlerweile in der Blockbuster-Liga auftauchte, spielt sie fast immer besonders intelligente Frauen: In „Wit“ (2001) von Mike Nichols als Professorin, die in ihrem Krankenzimmer mit tödlichem Krebs konfrontiert ist. Oder als Familienrichterin in einem schweren Zwiespalt beim „Kindeswohl“ (2017) nach Ian McEwan. Nun verkörpert sie die Rolle eines sehr späten sexuellen Erwachens mit aller Verletzlichkeit, mit dem intellektuellen Widerstreben ungemein glaubhaft.

Regisseurin Sophie Hyde ist beim Mainstream-Film bislang unbekannt, dabei gewann 2013 ihr Spielfilmdebüt „52 Tuesdays“ (Regie, Produzentin, Co-Autorin) um die Sexualität einer Jugendlichen und die Transsexualität von deren Mutter den Regiepreis in Sundance und den Gläsernen Bären bei den Berliner Filmfestspielen. Für die Serie „The Hunting“, in der Lehrer entdecken, dass mit Nacktfotos von Schülerinnen und Schülern gehandelt wird, erhielt sie Australian Academy Awards für das beste Drehbuch und den besten Nebendarsteller Richard Roxburgh. Zudem gewinnt sie den Australian Writers Guild Award für die beste Serie. Hyde lebt und arbeitet auf dem Land der Ureinwohner Kaurna in Südaustralien und macht provokante und intime Dokumentationen, Filme und Fernsehen. Wobei das Außergewöhnliche bei „Meine Stunden mit Leo“ darin liegt, wie unspektakulär der berührende Weg bis zur völligen Nacktheit und Zufriedenheit verläuft.


Ein FILMtabs.de Artikel