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The Nevers / Sky

Eines macht die neue HBO-Serie „The Nevers“ klar: Die Außerirdischen müssen Feministen sein! Denn nach dem fantastischen Erscheinen eines schillernden Raumschiffs im viktorianischen England sind fast nur Frauen vom ausgestreuten Feenstaub „berührt“ und entwickeln Super-Fähigkeiten.

Penance Adair (Ann Skelly) wird zur brillanten jungen Erfinderin und düst bald mit einem dreirädrigen Elektro-Sportwagen zwischen den Pferdekutschen des Londons von 1896. Auch der Regenschirm, der Stromstöße austeilt, und andere geniale Prototypen gehen auf die Kappe der etwas tollpatschigen Q-Variante.

Einer „berührten“ Prostituierten erzählen alle erregten Männer und Frauen neuerdings viel zu viel. Ein junges Mädchen spricht plötzlich ein Haufen Sprachen – gleichzeitig in einem Satz. Eine verwandelt jede Flüssigkeit zu Wasser. Einer der Schurken, eine Hommage an Bonds Beißer Richard Kiel, kann über Wasser laufen. Was zu einem grandiosen Duell mit der untergetauchten Witwe Amalia True (Laura Donnelly) führt. Diese Miss True leitet ein „Frauenhaus“ der Berührten – hier können die gesellschaftlich Geächteten Schutz finden und gemeinsam gegen Verfolger agieren. Denn viele von ihnen werden durch mysteriöse Masken-Gestalten entführt. Von starken Frauen fühlt sich sogar das britische Empire bedroht, das politische Establishment und die Oberschicht gehen offensiv und hinterhältig gegen sie vor. So stellt sich die Serie auf die Seite der Frauen, aber auch zu den brutal ausgebeuteten ArbeiterInnen.

Comic-haft wirkt das Spektakel mit der dämonisch wahnsinnigen Gegenspielerin Maladie (Amy Manson): Auch sie hat eine spezielle Eigenschaft – Schmerz gibt ihr Superkräfte. Damit steht sie für die rachsüchtige Fraktion der Berührten. Maladie will andere für Erlittenes leiden lassen. Amalia True bemüht sich hingegen um die Kontrolle der Kräfte und Emotionen. Das ist wieder die Grundfrage von „X-Men“ – Anpassung oder Widerstand? True selbst gelingt die Kontrolle meist nicht: Immer wieder weist Penance sie vor neuen Abenteuern darauf hin, doch nicht erneut ein Trümmerfeld zu hinterlassen.

Hier klingt etwas vom Humor an, mit dem „The Nevers“ neben Action und Retrofuturismus nicht spart: Die meisten fantastischen Eigenschaften kennzeichnen Figuren, die tragische Tiefen haben. Aber eine Riesenfrau zeigt die Lust am verrückten Erzählen ebenso wie viele Erfindungen von Penance. Die historische Science-Fiction-Mystery-Serie um eine Bande viktorianischer Frauen wurde von Joss Whedon entwickelt, der sich schon in den Neunzigern mit „Buffy the Vampire Slayer“ um Frauen-Power auf dem Bildschirm verdient gemacht hat. Die Dialoge von „The Nevers“ stammen zum Teil von der feministischen Autorin Laurie Penny („Fleischmarkt“, „Bitch Doktrin“).

Die aufwändige und exzellent ausgestattete Produktion erweckt auch durch sehr gute DarstellerInnen Mitgefühl für alle, die anders sind und deshalb verfolgt werden. Allen voran glänzt Laura Donnelly („Britannia“, „Outlander“) als Anführerin Miss True. Sie zeigt in den ernsten Szenen die Last der Verantwortung, dann im Exzessiven die Lust am Leben und beim Schwätzen mit der Freundin ganz mädchenhafte Seiten. Nicht nur für die Geschlechter-Gerechtigkeit sei hier noch Ben Chaplin („Die Tore der Welt“, „Mad Dogs“) erwähnt: Sein Kommissar Frank Mundi zeigt die berufsmäßige Zerrissenheit so eindrucksvoll, wie man den guten Schauspieler seit längerem nicht mehr gesehen hat. Nach vier Episoden für die Presse kann es hier auch der Kritiker nicht erwarten, wie es mit diesen komplexen Figuren und der dichten, spannenden Geschichte weitergeht.

„The Nevers“ (USA 2021) Regie: Joss Whedon, David Semel, Zetna Fuentes, mit Laura Donnelly, Ann Skelly, Olivia Williams, sechs Folgen à ca. 55 Min., Altersfreigabe ab 16

Ab April auf Sky Ticket sowie auf Sky Atlantic und über Sky Q auf Abruf.


Ein FILMtabs.de Artikel