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Fosse/Verdon / Joyn

Tanzszenen einer Ehe

Wo soll man anfangen bei so viel Kreativität, Prominenz und Geschichte? Vielleicht bei der Trophäensammlung: Bob Fosse (1927-1987) ist der einzige Regisseur, der in einem Jahr (1973) die höchste Auszeichnung für den besten Film, das beste Musical und die beste Fernsehsendung erhielt. Einen Regie-Oscar für „Cabaret“, einen Tony für Regie und Choreografie bei „Pippin“ und drei Emmys für Produktion, Choreografie und Regie von „Liza with a Z“. Damit haben wir schon seine langjährige Partnerin Gwen Verdon (1925-2000) vergessen und sind mitten im Film. Denn oft wird Bob Fosse (Sam Rockwell) neben der berühmten Tänzerin und Schauspielerin Verdon (Michelle Williams) als „Möchtegern-Fred Astaire“ übersehen. Überhaupt war ihre ganze leidenschaftliche Beziehung über Jahrzehnte auch von einer anhaltenden Konkurrenz bestimmt.

Liebe und Konkurrenz zwischen Fosse und Verdon beginnen beim ersten Vortanzen 1955 für das Musical „Damn Yankees“, einer eigenartigen Anmache mit besonderer Chemie. Verdon bekommt 1956 ihren ersten Tony Award als Beste Schauspielerin in einem Musical, 1960 heiraten sie. Mehr als zehn Jahre lang entwickeln sie später das Musical „Chicago“, das 1975 Premiere feiert. Es wird allerdings erst ein Erfolg, als Minnelli die erkrankte Verdon ersetzt. Nach einer Herzoperation realisiert Kettenraucher Fosse in einem Jahr gleichzeitig „Chicago“ und den Film „Lenny“ mit Dustin Hoffman. Mit seinem stark autobiografischen „All That Jazz“ gewann das Multitalent 1980 die Goldene Palme in Cannes. Trotz zahlloser Affären auf seiner Seite hilft sich das Paar auch nach der Trennung immer wieder bei ihren Projekten. Bis zu seinem herzzerreißenden Filmtod 1987 wenige Minuten vor einer gemeinsamen Premiere.

Die geniale und berührende Doppelbiografie „Fosse/Verdon“ erzählt von der jahrzehntelangen produktiven und Liebes-Beziehung mit virtuosen Zeitsprüngen und oft schmerzhaften Erinnerungen in Tänzen. Die größte Nummer bei vielen bekannten Musical-Songs ist die Montage des Films. Immer wieder gibt es Kompositionen stark emotionaler Momente in Sekundenbruchteilen. Sei es der frühe Stepp-Drill bei Fosse, der als 14-Jähriger auf Varieté-Bühnen von Stripperinnen „entjungfert“ wurde (und damit seine notorische Untreue erklären will). Oder Verdons Erinnerung an eine Vergewaltigung als Jugendliche, die ungewollte Schwangerschaft und die Ehe mit dem Vergewaltiger als Start einer Reihe von Erniedrigungen durch Männer.

Bemerkenswert an dieser herausragenden Serie ist der unterschiedliche Charakter der einzelnen Folgen: Erst ist der vierten wird „Cabaret“ Thema. Fosses Produzent in München meint 1972, der Regisseur und Choreograph des später berühmten Varieté-Films würde einen „italienischen Neorealisten-Alptraum“ drehen und kein Broadway-Musical. Nur durch die herbeigeeilte Ehefrau Gwen gewinnt das Projekt Form und Fahrt. Dabei kommentiert höhnisch der Song „Mein Herr“ von Liza Minnelli mit „It was a fine affair“ Bobs Affäre mit einer Übersetzerin. Gwen weiß davon und fliegt trotzdem über den Atlantik hin und zurück, um ein Gorilla-Kostüm zu besorgen. Um wiederum enttäuscht zu werden.

Genial, wie Episode sechs Fosses extrem gestresste Situation mit Drogen-, Nikotin- und Sex-Sucht im Stakkato-Stil von „Lenny“ beschreibt: Fosse (also Rockwell) sieht und kommentiert sich selbst in der Rolle des provokanten Komikers Lenny Bruce (real gespielt von Dustin Hoffman). Es ist wieder der großartige Schnitt, der die Situation schon beim Zuschauen unerträglich macht.

Die ruhigste, die fünfte Folge spielt fast ohne musikalische Nummer in einem Strandhaus: Kurz nach Fosses erstem Herzinfarkt fällt die Entscheidung, „Lenny“ und „Chicago“ gleichzeitig zu machen. „Würde dich das nicht umbringen?“ „Keine Ahnung, wir werden sehen.“ Im Kampf „seiner“ Frauen haben Gwen und ihr Musical-Projekt leichtes Spiel mit der sehr jungen Ann Reinking (Margaret Qualley, Tochter von Andie MacDowell). Verdons Liebe, die so viel Betrug und Verrat toleriert, ist nach #metoo nicht zeitgemäß, kann aber rühren.

„Fosse/Verdon“ brilliert nicht mit schillernder Nummern-Revue, sondern mit einem herzzerreißenden Liebesdrama über acht Episoden. In besten Momenten trennt nur eine dünne Wand Realität und Show wie bei Dennis Potter, dem Schöpfer genial tragischer Film-Musicals wie „The Singing Detective“ oder „Pennies from Heaven“. Neben dem eindrucksvollen Spiel von vor allem Sam Rockwell ist die Serie auch mit ihren Einblicken in die Geschichte der Pop-Kultur eine Perle. Zu den Freunden von Fosse und Verdon zählten die außerordentlichen Autoren Neil Simon („Ein seltsames Paar“, The Odd Couple) und Paddy Chayefsky, der als einer von ganz wenigen sowohl den Oscar in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch („Marty“) als auch in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch („Hospital“, „Network“) gewann.

„Fosse/Verdon“ (USA 2019), Regie: Thomas Kail u.a., mit Sam Rockwell, Michelle Williams, Norbert Leo Butz, Margaret Qualley, acht Folgen von 41-59 Min., FSK: ohne Angabe


Ein FILMtabs.de Artikel