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Niemals Selten Manchmal Immer

USA 2019 (Never Rarely Sometimes Always) Regie: Eliza Hittman, mit Sidney Flanigan, Thalia Ryder, Theodore Pellerin, Ryan Eggold, Sharon Van Etten 102 Min. FSK ab 6, empfohlen ab 16

Richtig gelöst ist die 17jährige Autumn (Sidney Flanigan) nur beim Singen. Doch als sie beim Schulkonzert nach den langweiligen Rockern mutig einen persönlichen Song auf die Bühne bringt, ruft ein Mitschüler sexistische Beleidigungen. Ansonsten bleibt Autumn, die nach der Schule an der Supermarkt-Kasse steht, hinter regloser Mimik versteckt. Selbst als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Die furchtbare Gynäkologin des Kaffs in Pennsylvania zeigt zur Sicherheit mal Horrorfilme über Abtreibungen, für die Minderjährige in diesem rückständigen US-Staat die Genehmigung der Eltern bräuchten. Nachdem die junge Frau, die sich niemandem anvertrauen kann, es mit Pillen und Schlägen auf den Bauch versucht hat, bricht sie mit ihrer Cousine Skyler (Talia Ryder) auf nach New York.

Wie Autumn und Skyler sich ohne Worte verstehen, ist eines der Wunder dieses wunderbar zurückhaltenden Films. Es gibt keine Erklärungen, keine Absprachen. Nachdem der Boss, der nächste rücksichtslose Mann, die kranke Autumn nicht nach Hause gehen lässt, greift Skyler nach Feierabend in die Kasse und es geht mit dem Bus in die liberale Großstadt. Auch bei der Odyssee zu den Beratungsstellen, bei den Nächten ohne Geld für ein Hotel, fallen wenig Worte – das Wichtige ist aus ihren Gesichtern abzulesen. Zwar ist die Hilfsbereitschaft der Gesundheits-Organisationen in New York fast rührend, aber irgendwie lehnt Autumn die angebotene Übernachtung ab.

„Niemals Selten Manchmal Immer“ – der Titel gibt Antworten eines Fragebogens wieder – ist nicht das übliche überzogene Abenteuer, sondern intensiv gefühlte Verlorenheit, Einsamkeit und Angst vor dem kommenden Tag. Ein ungemein vorsichtiger und rücksichtsvoller Film, ganz im Gegensatz zu den Menschen um Autumn herum, meist Männer.

Bei dem vielleicht in Rumänien (siehe „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“), aber nicht in den USA vorstellbaren, leisen Leidensweg, gibt es sehr viele Großaufnahmen, die Regungen bis ins kleinste Detail verfolgen. Das Konzept von Regisseurin Eliza Hittman („It felt like love“, „Beach Rats“) und Kamerafrau Hélène Louvart könnte man minimalistisch nennen – in der Wirkung ist es enorm. Die eindrucksvolle Hauptdarstellerin Sidney Flanigan ist eigentlich Musikerin und erstmals – und hoffentlich nicht zum letzten Mal – im Film zu sehen. Bei der Berlinale 2020 gewann „Niemals Selten Manchmal Immer“ den Silbernen Bären, Großer Preis der Jury.


Ein FILMtabs.de Artikel