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Corpus Christi (2019)

Polen 2019 (Boze Cialo) Regie: Jan Komasa, mit Bartosz Bielenia, Aleksandra Konieczna, Eliza Rycembel 115 Min.

Kleider machen Leute auf katholisch: Ausgerechnet ein von der Gesellschaft Verurteilter lehrt diese Gerechtigkeit und christliches Handeln, nachdem er ein geklautes Priestergewand angelegt hat! Das lässt sich bei den katholische Polen vielleicht als Parabel auf Scheinheiligkeit einer von Missbrauchsskandalen erschütterten Kirche lesen, auf jeden Fall gab es dort für den großartigen „Corpus Christi“ zehn von 15 Filmpreise!

Daniel (Bartosz Bielenia) ist mit seinen sehr großen, sehr blauen Augen in einem mal gemeinen, mal weiblich weichem Gesicht eine interessante Erscheinung. Im Jugendgefängnis hält er Wache, während ein anderer Jugendlicher brutal gefoltert wird. Dann singt er im Knast-Gottesdienst mit hoher Stimme einen Psalm. Auf dem Weg zum Sägewerk, in dem die jugendlichen Delinquenten im offenen Vollzug arbeiten sollen, feiert Daniel erst einmal heftig und provoziert gerne dabei. Am Ziel angekommen, will er in einer Kirche ein Mädchen mit seiner Soutane beeindrucken und vielleicht auch aus der Rolle des typischen Straffälligen schlüpfen, den alle in ihm zu erkennen meinen. Doch als er die Soutane anhat, kommt Daniel nicht mehr aus der Sache raus, schnell muss er den alten Priester nach dessen Zusammenbruch vertreten.

Bei diesem interessanten Seitenwechsel überrascht der schon immer am religiösen Ritus interessierte Daniel: Eine Beichte bei ihm ist psychologische und pädagogische Beratung. Er kritisiert Gott für die Grausamkeit eines Verkehrsunfalls, der im Ort sieben Todesopfer forderte. Eine Schrei-Therapie soll den Angehörigen helfen, die am Mahnmal für sechs der Opfer täglich beten und singen. Bei der Eröffnung eines neuen Flügels des Sägewerks für straffällige Jugendliche (wo er eigentlich hätte arbeiten müssen), lässt er den reichen und machtbewussten Besitzer im Schlamm knien und um die Gabe der Niedrigkeit beten. Doch seine unkonventionelle Vorgehensweise kommt gut an. Der neue, junge Priester ist sehr populär. Bis er zusammen mit der jungen Lidia (Aleksandra Konieczna) die Ausgrenzung der Witwe des siebten Unfallopfers anklagt…

„Corpus Christi“ ist eine ungewöhnliche und fesselnde Geschichte: Der Rollenwechsel des keineswegs sympathischen Daniel – charismatisch gespielt von Bartosz Bielenia – irritiert und begeistert gleichzeitig. Auch wenn er die Gebets-Formal googeln muss, findet er immer die richtigen Worte. Das sagt viel über den Zustand der Kirche, über Verlogenheit unterm christlichen Mäntelchen, aber auch allgemein über Menschen wie diese traumatisierten Dörfler. Ganz unabhängig davon, wie Daniels kirchliche Köpenickiade ausgeht, lässt sie nachhaltig nachdenken.


Ein FILMtabs.de Artikel