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Verteidiger des Glaubens

BRD 2019 Regie: Christoph Röhl 90 Min.

„Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht.“ Dieses Zitat von Blaise Pascal steht einem höchst aufschlussreichen und fesselnden Porträt Joseph Ratzingers, des späteren Papst Benedikt XVI., voran. Im Gegensatz zu Wim Wenders’ filmischer Schleimerei „Ein Mann seines Wortes“ (2018) zu Papst Franziskus, hinterfragt Regisseur Christoph Röhl die zeremoniellen Weihrauchschwaden des Vatikans. Gleichzeitig klagt „Verteidiger des Glaubens“ das Verbrechen des Verschweigens von Kindesmissbrauch durch die Kirche an. Dieses Engagement rührt sicher auch daher, dass Röhl die durch einen Missbrauch-Skandal bekannte gewordene Odenwaldschule als Tutor miterlebt hat und schon zwei Filme zu diesem Thema gemacht hat („Und wir sind nicht die Einzigen“ 2010, „Die Auserwählten“ 2013).

Dass Ratzinger nicht der Beste für dieses Amt, aber dieses Amt das Beste für Ratzinger war, macht eine interviewte Theologin klar: Als Papst wäre dieser wirklichkeitsfremde Mensch, der „Augustinist“, der bevorzugt in abstrakten Prinzipien denkt, von der richtigen Welt maximal geschützt. Das Trauma der Achtundsechziger für Joseph Ratzinger im beschaulichen Tübingen ist Ausgangspunkt einer scharfen Analyse eines Dogmatikers, der in den 1960er Jahren eine kurze Zeit als Erneuerer angesehen wurde.

Nach einem biographischen Abriss von Ratzingers Karriere werden einige Skandale und Misswirtschaften kenntnisreich angeführt, zu denen er später Position hätte einnehmen müssen. Die Korruption der Kongregation der „Legionäre Christi“ und ihres Anführers Marcial Maciel, des mexikanischen Priesters, der auch seine eigenen Kinder missbrauchte. Nach langem Ignorieren rang sich der Vatikan schließlich durch, den Anwerber hunderter treuer Priester wegen zahlreicher Sexualstraftaten in einen luxuriösen Ruhestand zu versetzen. Aber vor allen Dingen der Umgang mit dem weltweiten Kinder-Missbrauch durch Mitglieder der Kirche ist der Maßstab, an dem Papst Benedikt hier gemessen wird. Den erzkonservativen „Verteidiger des Glaubens“ und besonders rückständiger Lehren beurteilen in der exzellenten Dokumentation begeisterte „Chorknaben“ wie Kurienerzbischof und Ratzingers Sekretär Georg Gänswein, aber vor allem kritische Stimmen. Ein paar dieser Vorwürfe mögen spekulativ sein, generell sind die Analysen des Vertuschungs- Systems niederschmetternd.

In einer der bewegendsten Szenen klagt der irische Premierminister Enda Kenny im Parlament, nachdem Ratzinger meinte, das Zivilgesetz gelte nicht für die Kirche, die „dysfunktionale, abgehobene und elitäre Ordnung des Vatikans“ an. Und selbst im restriktiveren und rückständigen System der Kirche stelle Ratzinger einen Hardliner da. Letztlich bietet der wichtige und erhellende Film zwei Erklärungen für den Rücktritt als Papst: Eine schwere Kopfverletzung bei einer Reise nach Mexiko oder die Erkenntnis der Korruption, von der die Kirche durchdrungen ist.


Ein FILMtabs.de Artikel