« | Home | »

Fassaden

D 2025 R: Alina Cyranek, 87 Min.

„Es war alles total toll. Es war ein wirklich schönes Kennenlernen und
jeder von meinen Freunden und der Familie hat gesagt: Er ist es! Es war
wirklich ein Traum. Wir waren unglaublich ineinander verliebt. Er war
wirklich absolut überzeugend. Jetzt habe ich die Frau fürs Leben
gefunden, hat er immer gesagt. Ich habe ihn auch über alles geliebt. Ich
habe mein komplettes Leben für ihn aufgegeben. Und von da an ging es
los. Ich habe ihm hundertprozentig, ach, tausendprozentig alles
geglaubt. Und dann habe ich ihn nicht wiedererkannt. Von da an hatte der
mich komplett im Griff.“ Zunächst war es diese krankhafte Eifersucht,
bald kontrolliert er ihre E-Mails, schließlich mündet es in Gewalt. „Es
fing an mit einem Schubser, dann ein Treten und es wurde immer schlimmer.“

Die Schilderungen gleichen sich immer wieder. Jede dritte Frau wird
mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Partnerschaftsgewalt. Jeden
Tag wird eine Frau aufgrund ihres Geschlechts geto?tet. Die Statistiken
sind alarmierend und offenbaren ein strukturelles Problem, sagt Alina
Cyranek. »Das sind keine Einzelfälle. Die Zahlen haben mich total
schockiert, dabei wusste ich sehr wenig darüber. Ich wollte vor allem
wissen, welche Strukturen begünstigen das, also warum lassen wir das als
Gesellschaft zu? Warum kann das überhaupt passieren?« Sie nahm Kontakt
zu jenen Menschen auf, an die sich betroffene Frauen wenden:
Polizistinnen und Polizisten, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen und
Sozialarbeiter, Psychologinnen und Rechtsanwältinnen. „Und natürlich
habe ich mit betroffenen Frauen gesprochen.“

Ihr Film „Fassaden“ gibt die Geschichten ungefiltert wider. Die
Originalzitate aus Gesprächen mit vier betroffenen Frauen werden
einfühlsam gesprochen von Sandra Hüller. Sie verkörpert die
Protagonistinnen. Ihre Erlebnisse gehen unter die Haut. Visuell
unterstützt werden die Zeugnisse von Sebastian Webers intensiver
Choreografie, in der Gesa Volland und Damian Gmür die Dynamiken der
toxischen Beziehungen verkörpern. Dazwischen Bilder von friedlichen
Fassaden deutscher Wohnsiedlungen und animierte Sequenzen von Aline Helmcke.

Unterbrochen werden die mitunter schwer erträglichen Schilderungen von
den Interviews mit Fachleuten, die Auskunft geben über ihre Erfahrungen,
Abläufe und Regeln. So entsteht ein guter Eindruck von dem System, das
greift, wenn Frauen Gewalt erfahren.

Mit ihrem Film war Cyranek bereits auf vielen Festivals wie dem
Exground, dem Neisse Filmfestival und dem Filmkunstfest
Mecklenburg-Vorpommern. Vielen Menschen sei tatsächlich gar nicht klar,
wie tief verwurzelt Gewalt in unserer Gesellschaft ist, sagt Cyranek.
„Dabei kennen die meisten in ihrem Umkreis Betroffene. Nach einer
Vorführung kam ein älterer Herr, über 70, der sagte, dass ihm eigentlich
erst jetzt klar geworden ist, was seiner Mutter widerfahren ist und auch
was seiner Schwester widerfahren ist. Also, dass diese Muster sich dann
auch in Familien häufig durchziehen. Da war eine relativ junge Frau, die
gesagt hat, der Film hat sie veranlasst, selbst tatsächlich jetzt zum
ersten Mal darüber zu sprechen, was ihr widerfahren ist. Das ist sehr
bewegend und gut und wichtig. Also wenn man ein Menschenleben retten
kann durch diesen Film, finde ich, hat es sich gelohnt, ihn zu machen.“


Ein FILMtabs.de Artikel