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Die Stimme von Hind Rajab

F/TUN/USA/GB/SA/CYP 2025 R: Kaouther Ben Hania, D: Saja Kilani, Motaz
Malhees, Clara Khoury, 90 Min.

In der aktuellen Debatte um die Rolle Israels im Nahost-Konflikt
erscheinen einige preisgekrönte, zutiefst erschütternde Filme, die das
Leid der Palästinenser*innen durch ihre Augen und mit ihren Worten
nachfühlbar machen. Regisseurin Cherien Dabis erzählt in „Im Schatten
des Orangenbaums“ über ein halbes Jahrhundert hinweg bewegend vom
Schicksal der palästinensischen Bevölkerung und den Wurzeln der daraus
resultierenden Gewalt. In dem oscarprämierten Dokumentarfilm „No Other
Land“ zeichnet ein junger Netzaktivist die Vertreibung der Siedler im
Gaza-Streifen auf. Diese Filme zeigen das Leiden konsequent aus der
subjektiven Sicht der Betroffenen und klammern die politische Ebene
ebenso aus wie den Terror der Hamas.
Diesen Vorwurf kann und wird man auch der palästinensischen Regisseurin
Kaouther Ben Hania machen. „Die Stimme von Hind Rajab“ schildert den
Überlebenskampf eines sechsjährigen Mädchens, das in einem Fahrzeug
inmitten des Kriegsgebiets eingeschlossen ist, umgeben von den Leichen
ihrer Familie. Hinds Stimme, ihre Angst und zunehmende Verzweiflung sind
echt. Eingebettet wird das Originaldokument von einer Reinszenierung der
Rettungsaktion in der Einsatzzentrale der Hilfsorganisation
Palästinensischer Roter Halbmond. Am anderen Ende der Leitung muss Omar
(Motaz Malhees) miterleben, wie Hinds Cousine erschossen wird. Fortan
setzen er und die anderen Mitarbeiter*innen alles daran, das kleine
Mädchen zu retten. Doch dem Leiter der Einsatzstelle, Mahdi (Amer
Hlehel), sind die Hände gebunden. Ohne einen sicheren Korridor kann er
keinen Rettungswagen rausschicken, sonst würde er das Leben der
Sanitäter riskieren. Ohne die Empathie der politischen Strippenzieher
wird der Weg von gerade mal acht Minuten zu einer unüberwindbaren Distanz.
Die Stimme von Hind Rajab wurde bereits kurz nach den Ereignissen durch
die sozialen Netzwerke zum Sinnbild des Kriegs im Westjordanland.
Kaouther Ben Hania lässt wie bei ihrem oscarnominierten Drama „Olfas
Töchter“ die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen und
erzielt damit äußerste Wirkung. Die Stimme des kleinen Mädchens
begleitet einen noch lange nach dem Abspann. Die Spannung und
Hilflosigkeit in der Einsatzzentrale ist greifbar. Das liegt nicht
zuletzt an einer geschickten Inszenierung und einem exzellenten
Ensemble, dass den Vorbildern nicht nur verblüffend ähnelt, sondern die
ausweglose Situation realistisch schildert.
Bereits kurz vor seiner Premiere beim Filmfestival in Venedig setzte
sich mit Alfonso Cuarón, Jonathan Glazer, Brad Pitt, Rooney Mara und
Joaquin Phoenix große Hollywood-Prominenz als ausführende Produzenten
für die Distribution des Films ein. Beim Festival gewann er schließlich
den Großen Preis der Jury – nicht etwa, weil er palästinensische
Propaganda betreibt, wie ihm vereinzelt vorgeworfen wurde, sondern weil
er sich durch das Leid, das er schildert, konsequent für ein Ende des
sinnlosen Blutvergießens einsetzt.


Ein FILMtabs.de Artikel