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In die Sonne schauen

D 2025 R: Mascha Schilinski, D: Hanna Heckt, Lea Drinda, Lena
Urzendowsky, 149 Min.

Der Erfolg hatte alle überrascht: Als erster deutscher Film seit langem
wurde „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski in den Wettbewerb von
Cannes geladen und dort mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Das ist
einzigartig in der Geschichte des Festivals. Ebenso einzigartig ist auch
das Filmerlebnis.

„In die Sonne schauen“ erzählt ein Jahrhundert auf einem altmärkischen
Bauernhof durch die Perspektive verschiedener Generationen von vier
heranwachsenden Frauen. Die 7-jährige Alma (Hanna Heckt) wächst als
Tochter einer Gutsbesitzerfamilie auf dem Vierseithof kurz vor dem
Ersten Weltkrieg auf. Ihr Leben ist geprägt von christlichen Ritualen,
die sie zu verstehen versucht, und dem allgegenwärtigen Tod. Auf einer
Anrichte stehen die Fotografien der Verstorbenen und eines der Mädchen
sieht aus wie sie. Fortan glaubt sie, dass sie das gleiche Schicksal
ereilen wird.

Erika (Lea Drinda) lebt in den 1940er Jahren auf dem Hof unter ihrem
gewalttätigen Vater Sie ist fasziniert von ihrem Onkel Fritz (Martin
Rother), dem „Kriegsversehrten“. Nachts schleicht sie sich in sein
Zimmer im Obergeschoss, um Zeichnungen von seinem amputierten Bein zu
machen und von seinem Schweiß zu kosten.

Auch Angelika (Lena Urzendowsky) entdeckt ihr Verlangen und die Macht
ihrer eigenen Sexualität zur Zeit der DDR. Sie spielt mit den Gefühlen
ihres Cousins Rainer (Florian Geißelmann) und setzt sich gegen die
Übergriffigkeit ihres Onkels Uwe (Konstantin Lindhorst) zur Wehr.

In der Gegenwart kommt schließlich Lenka (Laeni Geiseler) mit ihrer
Familie auf den heruntergekommenen Hof, den sie eigenständig renovieren
wollen. Lenka ist fasziniert vom Nachbarsmädchen Kaya (Ninel Geiger),
deren Mutter verstorben ist, und wäre am liebsten wie sie. Wie ihre
Vorgängerinnen in den Jahrzehnten zuvor beobachtet sie, saugt auf und
imitiert auf der Suche nach Orientierung.

Die Kamera von Fabian Gamper schwebt geisterhaft durch die Räume, lugt
durch Ritzen und Türspalte, beobachtet wie die Mädchen beobachten. Der
Hof dient als emotionaler und historischer Resonanzraum und als
Experimentierraum für die Inszenierung. Die Montage fließt assoziativ
durch die Zeitebenen. Der zweieinhalbstündige Fluss macht mitunter
schwindelig, orientierungslos – „In die Sonne schauen“ ist eine
körperliche Erfahrung, die den Betrachter fordert, aber ein
Filmerlebnis, das absolut unvergleichlich ist.


Ein FILMtabs.de Artikel