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Willkommen in Marwen

USA 2018 (Welcome to Marwen) Regie: Robert Zemeckis, mit Steve Carell, Eiza Gonzáles, Diane Kruger, Gwendoline Christie, Janelle Monáe 116 Min. FSK ab 12

Schon immer war Film eine Fluchtmöglichkeit für traumatisierte Menschen. Für Zuschauer und für Filmfiguren, die regelmäßig in Traumwelten, Albträumen oder Tagträumen stellvertretend alltägliche Probleme lösen. Robert Zemeckis, mit „Der Polarexpress“, „Forrest Gump“ und „Zurück in die Zukunft“ ein Meister des eskapistischen Kinos, porträtiert in „Willkommen in Marwen“ nun die Welt eines sympathischen Fluchtkünstlers aus dem wahren Leben.

Es hat ein Hauch von Tarantinos „Inglourious Basterds“, wie der US-Soldat Cap’n Hogie (Steve Carell) auf Stöckelschuhen den Nazis entgegentritt und schließlich von schwer bewaffneten Barbie-Frauen gerettet wird. Was wir da als packende Live-Szene verfolgt haben, ist real jedoch nur eine Foto-Installation von Mark Hogancamp, der sich in seiner Fantasie zum Nazijäger macht. Behilflich sind ihm dabei Action-Puppen im Stile von Big Jim und Barbie, die er in liebevoller Kleinarbeit zu Kriegs-Kämpfern ausstattet und im fiktiven belgischen Dorf Marwen hinter seinem Haus ansiedelt.

Es wird auch schon mal drastisch, das Puppen-Spiel, bemerkt die neue Nachbarin (Leslie Mann) angesichts einer heftigen Folterszene. Dabei ahnt sie noch gar nicht, wie heftig Hogancamp vor ein paar Monaten von Neo-Nazis zusammengeschlagen wurde. Die selbst verordnete Puppen-Therapie ist nun Hogancamps einziger Weg mit Angst und Panik zurecht zu kommen. So verlässt er nie sein Haus ohne Unterstützung von Cap’n Hogie und seiner internationalen Frauenbrigade, die er in einem Spielzeug-Jeep hinter sich her zieht.

Regisseur Robert Zemeckis kannte die wahre Geschichte von Mark Hogancamp bereits aus der Dokumentation „Marwencol“ (2010) von Jeff Malmberg. Aber so eindrucksvoll wie in „Willkommen in Marwen“ ließen sich die nahtlosen Übergänge von Hogencamps realer Welt in die Abenteuer-Fantasien mit Action-Puppen mit einer ganzen Menge Rechenpower erst heute gestalten. Die Puppen haben einen Plastiklook, aber bewegen sich fließend wie die echten Menschen, denen sie in Hogencamps Umgebung entsprechen. Ohne Gegenstück ist nur die dämonische Deja Thoris (Diane Kruger), die eifersüchtig jede Frau umbringt, die Hogy zu nahe kommt. Ihre Haare haben aber die gleiche Farbe wie die Betäubungspillen, von denen der Patient Hogencamp viel zu viele schluckt.

Die digitale Trickkiste ermöglicht, eine trotz des brutalen Ereignisses fast nette Geschichte von Verdrängung und Überwindung zu erzählen. Cap’n Hogie kämpft gegen Nazis von 1944, die der Hogencamp von heute nie erlebt haben kann. Dass Deja (Vue?) auch dafür sorgt, dass die Nazis immer wieder kommen, ist einer der wenigen Momente, in denen der friedfertige Film mal deutlich Finger in aktuelle Wunden legt. Ansonsten beschränken sich Zemeckis und seine Ko-Autorin Caroline Thompson („Edward mit den Scherenhänden“, „Corpse Bride“) auf die übersichtliche Welt in und um Marwen. Unter zu viel Übersichtlichkeit leidet leider auch die Hauptfigur Hogencamp: Sein furchtbares Trauma wird noch gekonnt bitter-süß verniedlicht, aber die Schritte aus der Traumwelt zeigen sich psychologisch sehr grob geschildert.

„Willkommen in Marwen“ ist in Inszenierung, Schauspiel und Tricktechnik sehenswert, bei allem Spaß mit den Plastik-Figuren kommen die aus Fleisch und Blut in zwei langen Stunden leider zu kurz.


Ein FILMtabs.de Artikel