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Wintermärchen

BRD 2018 Regie: Jan Bonny, mit Jean-Luc Bubert, Thomas Schubert, Ricarda Seifried 129 Min. FSK ab 16

Eine filmische Aufarbeitung des Nationalsozialistischen Untergrunds ist schwierig. Die Morde des Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe liegen noch nicht lange zurück und sind medial ausgiebig behandelt worden. Die Bilder, Taten und Worte sind noch frisch im kollektiven Gedächtnis. Anstatt dem Thema mit einem halbherzigen Fernsehfilm zu begegnen, drehte Jan Bonny mit »Wintermärchen« einen unbarmherzigen, schmerzhaften Film. Dabei orientiert er sich nur lose an den Morden des NSU.

Im Mittelpunkt seines Films steht das junge Paar Becky und Tommi. Ihre toxische Beziehung wird beherrscht von Langeweile, sexuellem Frust und Abhängigkeit. Sie pöbeln gegen Ausländer, ballern ihre Feuerwaffen in eine Waldlichtung, aber ihnen fehlt der Mut, einen »Kanaken« zu erschießen. »Es muss mal wieder richtig knallen« – Die Worte, die Becky Tommi ins Gesicht schreit führen zu Taten, als plötzlich Maik in der Küche steht. Tommis Kumpel fehlen die Skrupel, die das Duo zurückhält. So wird aus dem Paar ein explosiver Dreier, der eine blutige Spur hinter sich her zieht.

Der Kölner Regisseur Jan Bonny, dessen erster Spielfilm »Gegenüber« in Cannes gefeiert wurde, zeigt die toxische Mischung aus Sex und Gewalt. Er seziert den Terror von innen. Er zieht sich dabei nicht auf den sicheren Standpunkt zurück, sondern zeigt schmerzhaft, roh und kompromisslos, wozu Menschen fähig sind. »Den NSU haben wir nicht im Griff«, sagt Bonny. »Das gefällte Urteil im NSU Prozess löst nicht die gegenwärtigen Probleme.«

Für seine drei Figuren ist das Töten die einzige Versicherung eines eigenen Werts. Die Opfer sind ihnen egal, ihre Herkunft nur billiger Vorwand. Die Figuren agieren nicht für etwas, nur gegen etwas. Das »Wintermärchen« ist eine Zumutung für den Zuschauer. Ein Blick in den Abgrund, den wir uns immer versuchen zu ersparen. Der Film versetzt uns auf Augenhöhe mit den Figuren, wo man sich lieber Distanz und Überlegenheit wünschen würde. Das ist unbequem und von hoher Dringlichkeit.


Ein FILMtabs.de Artikel