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Bad Times at the El Royale

USA 2018 Regie: Drew Goddard mit Jeff Bridges, Dakota Johnson, Cynthia Erivo, Chris Hemsworth, Jon Hamm, Cailee Spainey 143 Min.

Der neue Goddard erfüllt alle Erwartungen in den brillanten Kopf hinter „The Cabin in the Woods“ (Regie), „Der Marsianer“ und „Lost“ (Drehbuch): Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Drew Goddard legt eine Mischung aus „Pulp Fiction“ und „Hateful 8“ hin. „Bad Times at the El Royale“ ist dabei aber weniger gewaltsam und geschwätzig als Tarantino. Zudem begeistert der ungemein spannende und reizvolle Thriller mit der exzellenten Besetzung durch Jeff Bridges, Dakota Johnson, Chris Hemsworth und Jon Hamm.

Bereits die Raumwahl der vier neuen – und einzigen – Gäste im ehemaligen Casino-Hotel „El Royal“ gerät spannend: Der smarte Staubsauger-Vertreter (Jon Hamm) will mit seinem riesigen Koffer unbedingt in die Honeymoon Suite. Father Flynn (Jeff Bridges), ein alter Priester, weiß nicht, ob er Zimmer 4 oder 5 bevorzugt. Die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) will Ruhe vor den anderen. Nur die Hippie-Frau (Dakota Johnson) trägt sich rasch mit einem „Fuck you“ in die Gästeliste ein.

Der fahrende Klinkenputzer erweist sich allerdings schnell als FBI-Agent und findet in seinem völlig verwanzten Zimmer haufenweise Abhörmikrofone. Der Priester beginnt den Boden seines Zimmers aufzureißen und Hippie Emily schleift ein gefesseltes Mädchen aus dem Kofferraum. Nur Darlene singt wunderbare Motown-Songs einfach und gut. Derweil träumt der junge Rezeptionist Miles (Lewis Pullman) mit Nadel im Arm auf seinem Zimmer. Er ist in Personalunion auch noch Putzfrau, Kellner, Spion und heroinabhängig.

Im Stil der 60er Jahre gibt das mitten auf der Landesgrenze zwischen Nevada und Kalifornien gelegene, ehemalige Casino „El Royal“ ein großartige Kulisse im Deko- und Retro-Rausch. Noch bevor die Bewohner der vier Zimmer („Four Rooms“, um noch einen Tarantino zu zitieren) vorgestellt sind, passiert schon heftig viel. „Bad Times“ kann im weiteren Verlauf noch mehr überraschen, fesseln und begeistern.

Autor Drew Goddard stellt zwar seine Menschen im Hotel mit teilweise drastischen Geschichten brav nach der Nummer ihrer Zimmer vor, doch chronologisch verlaufen die Ereignisse nicht: Es gibt Dopplungen und Sprünge in der Zeit wie bei „Pulp Fiction“ und bevor wir auch nur annähernd alle Geheimnisse verstehen, schon die erste Leiche. Dabei – eine Horrorvorstellung für jeden Hotelgast – beobachtet hinter den Spiegeln ein Peeping Tom hoch vier alles, was passiert!

Da ballt sich eine Menge Verbrechen und kriminelle Energie in diesem fast verlassenen Hotel. Doch mit vielen raffinierte Inszenierungs-Ideen, einer ungemein sicheren Regie und ausnahmslos großartigen Figuren, ist „Bad Times at the El Royale“ durchgehend gelungen. Neben all den düsteren Geheimnissen versammeln sich auch die großen Themen der späten Sechziger Jahre der USA in einer Lobby, die zum Fegefeuer für alle wird: Nixon, Watergate, ein mörderischer Sekten-Führer (ein dämonischer Chris Hemsworth tritt mit Donnerknall auf), Hippies auf Abwegen, eine Satans-Tochter, die unmoralischen Genüsse eines bereits toten Politikers (Kennedy?) auf Film, der tief gläubige Scharfschütze, der bereits 123 Morde im Vietnamkrieg hinter sich hat und ein falscher Priester.

Das ist ein ungewöhnlicher Querschnitt durch die späten Sechziger und ungewöhnlich viel Substanz, auch für einen exzellenten Genrefilm. Wo man bei „Pulp Fiction“ lange über das nicht chronologische Konstrukt diskutierte, bleibt es bei Drew Goddard interessant, was die faszinierenden Einzelgeschichten als Gesamtbild sagen wollen. Aber einstweilen lässt sich mit dem zeitlos guten „Bad Times“ bestens die Zeit vertreiben.


Ein FILMtabs.de Artikel