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Kindeswohl

Großbritannien 2017 (The Children Act) Regie: Richard Eyre mit Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Ben Chaplin 105 Min.

Wer ist eigentlich der aktuelle Überflieger in Sachen Literarturverfilmungen? Dieser Shakespeare wirkt im Kino abwesend, als hätte er nie existiert. Von diesem komischen „Göhte“ hat man auch lange nichts mehr gehört. Aber der noch quicklebendige Brite Ian McEwan haut mit „Am Strand“, „Ein Kind zur Zeit – The Child in Time“ und jetzt „Kindeswohl“ direkt drei großartige Spielfilme in diesem Sommer raus, und schrieb teilweise auch noch das Drehbuch selbst. Was dazu führt, dass die sehr fein gezeichneten Menschen in diesen spannenden Filmen auch noch Lust machen, McEwan erneut zu lesen.

Wieso lässt diese christliche Gottesfigur seinen unehelichen Sohn am römischen Marterpfahl unter Qualen sterben? Wieso lassen Eltern ihren an Leukämie erkrankten Sohn im Krankenhaus verreckten, nur weil sie als Zeugen Jehovas lebensrettende Bluttransfusion ablehnen? Es sind keine einfachen Fragen, die Ian McEwan in „Kindeswohl“ stellt. Und es sind keine einfachen Entscheidungen, welche die angesehene und erfahrene Londoner Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) fällen muss. Sollen siamesischer Zwillinge gegen den Willen der Eltern getrennt werden, damit wenigstens eines der Babys überlebt? Fiona Maye ist auch abends zuhause so intensiv mit diesen ungeheuerlichen Dilemmata beschäftigt, dass sie eine andere drohende Trennung verpasst: Ihr Mann Jack (Stanley Tucci) kündigt nach jahrelanger Entfremdung wegen ihres Berufs eine baldige Affäre mit einer viel jüngeren Frau an. Auch ungeheuerlich, aber auch klasse erwachsen, noch einmal das Gespräch zu suchen, bevor die Ehe ganz zerbricht. Doch Fiona reagiert verstört und stolz, sie redet in den nächsten Tagen gar nicht mehr mit Jack, dafür aber mit dem Leukämie-Patienten 17-jährigen Adam (Fionn Whitehead) im Krankenhaus. Ein unerhörter Vorgang für die ehrenwerte Richterschaft. Ein „Seitensprung“ aus der Routine mit gewaltigen Folgen.

Ein Kritiker bemerkte einst bei Mike Nichols Film „Wit“ (2001), dass es ein außerordentliches Vergnügen sei, Emma Thompson („Wiedersehen in Howards End“, „Sinn und Sinnlichkeit“) beim Denken zuzuschauen. Genau dies findet nun der genesene Adam, der einer Religion abschwört, um zum Groupie und Stalker seiner angebeteten „Retterin“ zu werden. Ein, zwei weitere ungeheuerliche Momente versetzen die eigentlich kontrollierte und reservierte Richterin Fiona Maye in einem persönlichen Konflikt, der sich mit großen Menschheitsproblemen überlagert. Ihr Urteil gegen die christlichen Wächter, die Adams Krankenbett Tag und Nacht bewachen, ist eine wunderbare Hymne für den freien Menschen. Adam solle seine Leidenschaft für Poesie und das Gitarrenspiel weiter verfolgen, anstatt für überkommenen Christen-Glauben geopfert zu werden. Den eigenen Lebenssinn wieder zu finden, ist dann doch noch schwerer für die in ihren Konventionen feststeckende Frau. Ein Gedicht von Yates hält die Verbindung zu Adam und dem Leben aufrecht.

Regisseur Richard Eyre („Tagebuch eines Skandals“, „Iris“) setzt mit all seiner Erfahrung und seinem Können die innere Unruhe der Figuren in äußere Bewegung um. Die Brillanz der Emma Thompson muss nicht mehr erwähnt werden. Stanley Tucci hat nach viel Action-Quatsch mal wieder eine wunderbare Rolle. Aber auch die Nebenfiguren wie Fionas dienstbarer Assistent Nigel sowie eine besonders resolute und liebevolle Krankenschwester zeugen von großer Sorgfalt beim Schreiben. Vor allem merkt man selbst beim Beschreiben des Films die Exaktheit des Schreibens von Ian McEwan („Abbitte“, „Amsterdam“, „Am Strand“) – ein vielschichtiger Genuss!


Ein FILMtabs.de Artikel