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Das Leuchten der Erinnerung

Italien, USA 2017 (The Leisure Seeker) Regie: Paolo Virzì mit Helen Mirren, Donald Sutherland, Christian McKay, Janel Moloney 113 Min.

Carly Simon singt „It’s too late“, Janis Joplin von der Freiheit und dass man nichts mehr zu verlieren habe. Ja, der Aufbruch der beiden Senioren Ella (Helen Mirren) und John Spencer (Donald Sutherland) ist nicht nur musikalisch belastet und alles andere als ein Wochenend-Trip im Camping-Mobil. Sie wollen noch mal reisen wie früher und reichen sich beim Frühstück im Diner gegenseitig ihre Pillen. John wirkt verwirrt, doch seine Vorträge über Hemingway, mit denen er regelmäßig freundliche Kellnerinnen fesselt, haben Hand und Fuß. Der ehemalige Literatur-Dozent soll denn auch auf dieser Reise endlich das Hemingway-Haus in Keys West im Süden der USA sehen, entschied „Madame“ Ella. Der Ort, wo Hemingway sich umbrachte!

Derweil versuchen aufgeregte Kinder, die Alten zurückzurufen. Denn John ist dement und Ella hat Krebs. Doch die Reise im historischen Winnebago-Camper, Modell Leisure Seeker aus 1975, verläuft anfangs unterhaltsam. John sitzt mit klaren und weniger klaren Momenten am Steuer. Er erinnert sich nicht an den Namen seiner Kinder, aber eine alte Studentin erinnert er noch zu gut. Das alte Ehepaar liebt den vertrauten Umgang, dabei sind beide sehr eifersüchtig. Ella erzählt zwischendurch wildfremden Menschen alte Geschichten. Abends machen sie draußen Diashow und der Campingplatz schaut mit. Während es den beiden Kranken erstaunlich gut geht, leiden die Zuschauer sehr an der Beschaulichkeit eines fast idealen Alters mit grenzwertigen Humor-Einlagen.

Doch selbstverständlich eskaliert der Film zum Drama. Die krebskranke Ella müsste behandelt werden. Irgendwann gesteht der Literatur- und Sprach-Liebhaber unfreiwillig eine Affäre mit der Nachbarin und wird prompt in ein Altersheim abgeschoben. Das Ende im gemeinsamen Freitod wird für Diskussionen sorgen. Doch man muss nicht nur über den Beitrag zu einer notwendigen gesellschaftlichen Grenzverlagerung reden. Auch das Filmische, das sehr einfache rührende Ende eines langen, zähen Weges sollte Thema sein.

Regisseur Paolo Virzì zeigt wieder mal, wie der große amerikanische Traum für Regisseure zur Seifenblase wird. Zwar kann der Film mit den Alt-Stars Helen Mirren und Donald Sutherland protzen, doch die Vorgänger aus Italien, „Die Überglücklichen“ (2016) mit Valeria Bruni-Tedeschi und „Die süße Gier – Il Capitale Umano“ (2013), waren so viel dichter und stimmiger.


Ein FILMtabs.de Artikel