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Verleugnung

Großbritannien, USA 2016 Regie: Mick Jackson mit Rachel Weisz, Tom Wilkinson, Timothy Spall, Andrew Scott 111 Min. FSK: ab 12

Wie begegnet man den ignoranten und verlogenen Argumenten von neuen und alten Rechten? Wie den Lügen von Holocaust-Leugnern? Diese leider immer wieder notwendige Frage stellte sich in vielen Prozessen gegen den selbst ernannten Historiker David Irving, der mittlerweile in mehreren Ländern wegen seiner Aussagen mehrfach verurteilt und mit Einreiseverboten belegt wurde. Nach dem persönlichen Erfahrungsbericht der us-amerikanischen Wissenschaftlerin Deborah Lipstadt („Betrifft: Leugnen des Holocaust“) und dem Drehbuch des hervorragenden David Hare („Die Verschwörung“, „Der Vorleser“, „Verhängnis) rollt „Verleugnung“ einen dieser Prozesse auf. Ganz banal klagte David Irving vor einem Londoner Gericht dagegen, in einem Nebensatz eines Buches von Lipstadt als rassistischer Holocaust-Leugner bezeichnet zu werden. Deborah Lipstadt (Rachel Weisz), die sich eigentlich weigert, mit Menschen zu diskutieren, die behaupten „Elvis lebt oder die den Holocaust leugnen“, geht als Jüdin und „Verteidigerin ihres Volkes“ nicht den üblichen Weg des Vergleichs. Allerdings muss sie nach britischem Recht die Wahrheit ihrer Aussage beweisen.

An ihrer Seite steht nicht nur der renommierte Anwalt, der einst Dianas Scheidung übernommen hatte, sondern ein gewaltiger Apparat an Juristen und Historikern. Doch das größte Problem für die kämpferische Lipstadt ist, dass sie selbst nicht aussagen soll. So wird aus „Verleugnung“ kein routinierter Gerichts-Film – glücklicherweise und leider. Die komplexe Materie eines Rechtsstreits um Verleugnung mit einem recht speziellen britischen Rechtssystem macht es nicht einfach, zu verfolgen, worum es hier eigentlich geht. Gerade die im Verfahren angewendete Rücksicht auf Holocaust-Überlebende, die nicht aussagen sollen, weil der rhetorisch geschickte und völlig ohne Mitgefühl agierende Irving sie öffentlich erniedrigen würde, nimmt dem Film die Stärke direkter Zeugenschaft. Genau wie „Spotlight“, der großartige Film über Kindes-Vergewaltigungen in der katholischen Kirche von Boston, sich ehrlich dem Rhythmus ernsthafter journalistischer Recherche anpasste, verweigert sich auch „Verleugnung“ dem verkürzenden Schema eines Holocaust-Gerichtsfilms. Und bedient sich nicht „einfach“ der Konfrontation von Tätern mit den erschütternden Aussagen der Zeugen wie in „Der Vorleser“, „Music Box“ oder „Im Labyrinth des Schweigens“.

Zu den prägnanten Figuren des Films gehört neben Rachel Weisz und Tom Wilkinson als ruppiger Verteidiger auch der David Irving von Timothy Spall: Es ist eine unheimliche Gestalt mit schleimiger Freundlichkeit, die nicht nur im Verfahren schwer erträgliche Ausführungen mit raffinierten Tricks zu griffigen Schlagzeilen umzuwandeln weiß. Ihm gegenüber steht die Figur Tom Wilkinsons mit seiner schockierenden Art, in Auschwitz nüchterne Fragen zu stellen. So wird der wenig triumphale Erfolg für Lipstadt zum „Akt der Selbstverleugnung“, er macht aber auch klar, das bei aller Freiheit der Meinungsäußerung es kein Recht auf „alternative Fakten“ oder Lügen gibt.


Ein FILMtabs.de Artikel