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Die Blumen von gestern

BRD, Österreich, 2016 Regie: Chris Kraus mit Lars Eidinger, Adèle Haenel, Jan Josef Liefers, Hannah Herzsprung 126 Min. FSK: ab 12

Filme über den Holocaust gibt es (zu) viele. Mitunter stellt sich eine gewisse Übersättigung beim Publikum ein. »Die Blumen von gestern« ist ein gänzlich anderer Film zum Thema und sucht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mit Hilfe der befreienden Form des Humors. Totila Blumen hat eigentlich nichts zu Lachen. Der Misanthrop ist Holocaust-Forscher. Aus einer tief verwurzelten Schuld, die sein Vater auf sich geladen hat, geht er seiner Arbeit mit verbissenem Ehrgeiz nach. Darunter haben seine Kollegen zu leiden und auch seine Frau Hannah steht dem Zynismus ihres Gatten hilflos gegenüber. Als ihm ausgerechnet sein Erzfeind Balthasar Thomas die Vorbereitung des Auschwitz-Kongresses streitig macht, läuft Totila Amok. Gebremst wird er nur von der neuen Praktikantin Zazie, die selbst ein paar Leichen im Keller hat. Zazie folgt Totila wie ein Schoßhündchen. Das seltsame Gespann irritiert zunächst, entwickelt sich aber über die kaum vorhersehbaren zwei Stunden Laufzeit zu einem außergewöhnlichen Paar. Charakterkopf Lars Eidinger (»Alle anderen«) und Shooting-Star Adèle Haenel (»Das unbekannte Mädchen«), harmonieren ebenso perfekt, wie die Pointen in Chris Kraus’ aberwitzigen Drehbuch sitzen. Wenn der Rat darüber diskutiert, ob ein Sponsoring von Daimler angemessen ist, zeigt sich, wie schwierig richtiges Gedenken ist. Noch dazu, wenn der Autokonzern verlangt, dass eine Zeitzeugin bei ihrer Rede einen Mercedesstern trägt. In seinen preisgekrönten Filmen »Poll« und »Vier Minuten« hat sich Regisseur Kraus bereits auf ernste Weise mit dem Thema der Judenverfolgung auseinandergesetzt. »Die Blumen von gestern« meistert die Herausforderung das schwierige Thema Holocaust mit bissigem Humor zu verbinden auf kongeniale Art, ohne das Sujet der Lächerlichkeit preiszugeben. Zu verdanken ist dies auch der fantastischen Besetzung, allen voran Hauptdarsteller Lars Eidinger. Eine so herrlich ätzende Figur wie sein Totila Blumen ist einzigartig im deutschen Kino.


Ein FILMtabs.de Artikel