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The Drop

USA 2014 Regie: Michaël R. Roskam mit Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini, Matthias Schoenaerts, John Ortiz 107 Min. FSK: ab 12
Er steht hinter der Bar und wartet. Nicht auf Kunden, die gibt es reichlich. Nicht auf den Überfall, der kommt in diesem Genre unausweichlich. Bob Saginowski (Tom Hardy) scheint auf das Leben zu warten. Derweil sieht er zu, wie die Kneipe in Brooklyn zum „money drop“, zur Sammelstelle für schmutziges Geld verkommen ist. Sie gehört offiziell Bobs Cousin Marv (James Gandolfini in seiner letzten Rolle), doch längst hat ein tschetschenischer Mob hier das Sagen. Wie groß ihre Macht ist, wird so gut wie nicht gezeigt. Es ist indirekt mehr als klar: Bob und Marv, zwei stattliche Männer, stehen wie ängstliche kleine Jungs den Gangstern gegenüber.
Es ist irritierend, da wir die Darsteller Tom Hardy und James Gandolfini meist in anderen Rollen wesentlich souveräner sehen. Wie überhaupt, noch bevor ein kleiner Raub in der Kneipe stattfindet, Marv der Mafia dafür Schadensersatz zahlen muss und ein ganz dickes Ding sich anbahnt, der Film mit vielen kleinen Verschiebungen der üblichen Genre-Bausteine einen ganz eigenen Reiz bekommt. Er basiert auf der Kurzgeschichte „Animal Rescue“ von Dennis Lehane, der bereits die Vorlagen zu Eastwoods „Mystic River“ (2003), Scorseses „Shutter Island“ (2010) und Afflecks „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (2007) schrieb. Wenn solche Regisseure die eigenen Worte ins Bild setzen, muss schon was können und zu sagen haben!
„The Drop – Bargeld“ ist nun gleichzeitig spannender Krimi und Mobster-Film, sehr zaghafte, weil psychotisch bedrohte Liebesgeschichte, Psychogramm einer lange verhalten Figur und auch noch Tierfilm. Wegen Letzterem wird man ihn in ein paar Jahren wahrscheinlich als den „Film mit Tom Hardy und dem Welpen“ erinnern. Doch das Hündchen, das Bob zu der extrem vorsichtigen Nadia (Noomi Rapace, die Lisbeth Salander aus den „Millennium“-Filmen) führt, die wiederum ihren psychopathischen Ex Eric Deeds (Matthias Schoenaerts) ins Spiel bringt, ist nicht nur der Grund für vieles im Film. Er legt auch wunderbar die Persönlichkeit des verschlossenen Bob offen.
Tom Hardy, eine doppelte Ladung Selbstsicherheit in „Locke“, gibt hier einen sehr unscheinbaren Typen, der fast autistisch wirkt, wenn er mit Polizisten oder anderen Unbekannten redet. Selbst wenn er mit der Begründung „Er hätte unserem Hund etwas getan“ endlich handelt, ist er dabei ein entfernter Verwandter von Forrest Gump. Perfekt ist dieses Tempo für die angeschlagene Nadia. Sie nähern sich vorsichtig einander an. Wie bei ihrer kleinen Porzellan-Figur ist vorher viel kaputt gegangen und vielleicht kann Bob es reparieren.
Genau so eindrucksvoll übrigens wie der belgische Regisseur Michaël R. Roskam „Rundskop“ („Bullhead“ 2011) führt sich sein Landsmann Matthias Schoenaerts als wahnsinnig gefährlicher Eric mit subtiler Bedrohung ein. Man kennt Schoenaerts von „Rundskop“, dieser extrem heftigen belgischen Geschichte, oder von „Der Geschmack von Rost und Knochen“ (2012) als Pfleger für Marion Cotillard. Man wird ihn bald in „The Loft“ sehen, dem US-Remake seiner sehr gewalttätigen Rolle im flämischen „Loft – Tödliche Affären“ (2008). In „The Drop“ „klaut“ er sogar Tom Hardy ein paar Szenen. Aber Hardy bleibt ein Meister der Verstellung. Man nimmt ihm den Langsamdenker Bob derart ab, dass man im Interview besonders laut und deutlich reden würde. Doch Bob ist wie der Film, in dem man die Figuren besonders detailliert kennenlernt: Überraschend, genau dann, wenn man es nicht erwartet.


Ein FILMtabs.de Artikel