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Jonas

D 2011 / R: Robert Wilde / D: Christian Ulmen 110 Min.

Das deutsche Bildungssystem steht in fortwährender Kritik. Die Zuständigkeiten werden von Lehrkräften zum Land und zurück zu den Eltern geschoben. Niemand fühlt sich verantwortlich, keiner hat einen Lösungsansatz und die meisten Diskussion werden weit an der Realität vorbei geführt. Aber wie sieht sie eigentlich wirklich aus, die Lage an deutschen Schulen?
Christian Ulmen und Robert Wilde schufen mit ihrem TV-Format „Mein neuer Freund“ etwas Einzigartiges in der deutschen Fernsehlandschaft. Die Kandidaten und ihr Umfeld wurden mit einer inszenierten Realität konfrontiert und mussten die Situation bis zum Schluss durchziehen. Ulmen machte es ihnen als Schluffi, Ekel und Halblicht so schwer wie möglich. Nur die Wenigsten standen bis zum Schluss zu ihm. Eine wunderbar unkalkulierbare Versuchsblase, die Pro7 schließlich zu heiß wurde und nur noch im Internet zu sehen war.
Nun nehmen sie sich das Schulsystem zur Brust und entzünden erneut die „Feuerzangenbowle“: wie wäre es, heute noch mal an der Schule zu sein? Eine Schnapsidee, die sich mit Hilfe der Produzenten Claus Boje und Detlev Buck zu einem überraschenden Film formte.
Ulmen ist Jonas. Jonas ist 18 Jahre alt und mehrfach sitzen geblieben. Nun bekommt er an der brandenburgischen Gesamtschule Paul-Dessau seine letzte Chance auf einen Schulabschluss. So steht er gleich mehrfach unter Druck: als „Neuer“ im Fokus der Lehrer und Schüler und als Wackelkandidat auf Bewährung. Sechs Wochen begleitet die Kamera ihn durch die Flure, vorbei an echten Lehrern und echten Mitschülern.
In wie weit sie eingeweiht waren, verrät der Film nicht. Christian Ulmen ist mit Langhaarschnitt und erstaunlich verjüngtem Äußeren durchaus schwer auszumachen. Hinzu kommt sein pubertäres Spiel, das nur selten an der Grenze zur Peinlichkeit steht, immer aber direkte Reaktionen seines Umfelds verlangt. Das macht „Jonas“ wie schon „Mein neuer Freund“ zur faszinierenden Studie menschlicher Verhaltensweisen, insbesondere in unserer Gesellschaft.
Vor allem ist Wilde und Ulmen aber ein realistischer Einblick in den deutschen Schulalltag gelungen. Durch die Subjektive fangen sie den Druck ein, der auf den Schülern lastet. Ulmen macht die Beklemmung spürbar, die er verspürt, wenn er an der Tafel den Logarithmus erklären soll, den sozialen Druck auf dem Schulhof, das Ultimatum der Lehrer. Die sind zwar ebenso wie die Mitschüler immer unter Beobachtung der Kameraleute – die sich als Dokumentarfilmer ausgaben – und agieren dadurch nicht immer natürlich. In den sechs Wochen ist aber genügend Material zu Stande gekommen, das echt wirkt und die Situation authentisch wiedergibt.
Ein wenig im Weg steht dem Experiment jedoch die hinein konstruierte Schwärmerei von Jonas für seine Musiklehrerin Frau Maschke. Hier verliert sich der Film in einem überflüssigen Nebenstrang. Jonas gründet eine Band, um ihr Herz zu gewinnen. Die Suche nach Mitmusikern und einige anarchische Ausbrüche sorgen aber für einige Lacher und die nötige soziale Interaktion zwischen Jonas und seinen Mitschülern.
Nicht zuletzt Ulmens Charme macht „Jonas“ sehenswert. Er schafft es, dass man mit leidet und sich freut, wenn es ein Lob vom Mathelehrer gibt. Es zeigt die Pädagogen als Menschen und auch, dass sich seit unserer Schulzeit eigentlich nicht so viel geändert hat. Der Druck ist gewachsen, von den Jugendlichen wird heute mehr als je zuvor erwartet, dass sie als fertige Erwachsene die Schule verlassen. Daneben ist „Jonas“ aber vor allem eine wunderbare Zeitreise in die Pennälerjahre.


Ein FILMtabs.de Artikel