Kalt ist der Abendhauch

BRD 2000 (Kalt ist der Abendhauch) Regie Rainer Kaufmann, 124 Min.

Wissen Sie, wo die Redewendung "Nöll mich nicht voll!" herkommt? Es gibt da die überaus erfolgreiche Autorin Ingrid Noll und auch ihre Verfilmungen - "Die Apothekerin" - machen gut Kasse. Da müßte doch ihr zugkräftigster Buchhit "Kalt ist der Abendhauch" ganz groß raus kommen ...

Die über 80-jährige Erzählerin Charlotte (Gisela Trowe) sitzt in ihrer ebenso alten Wohnung und erinnert sich: Wie sich ihre Schwester Ida verheiratete und am gleichen Tag der kleine Bruder Albert, der als angehender Transvestit nicht in der Schuhhändlerfamilie paßte, Selbstmord beging. Ebenso schlimm war, dass die junge Charlotte (Fritzi Haberlandt) in Idas Mann Hugo (August Diehl) verliebt war. Bei Charlottes Hochzeit starb dann der schuldige Vater (Vadim Glowna). Max Schmeling wollte Weltmeister werden und die Nazis marschieren am Bildrand herum. Der Krieg - dem vier Szenen gewidmet werden - veränderte alles, nur die extreme Liebe von Ida zu Hugo blieb und fand ihre Wege. Der heimkehrende Ehegatte Idas starb beim Versuch der Vergewaltigung und seitdem hat die Geschichte auch eine Leiche im Keller. Wenn Männermorden eine populäre Spezialität der Noll zu sein scheint, verspottet das Wiedersehen der Liebenden nach Jahrzehnten vor allem alte Männer.

Ich weiß nicht, wie der Roman ist, doch "Kalt ist der Abendhauch" wirkt wie ein typische Ver-Filmung, mit dem "Ver-" von Verirrung, verunglückt, Verriß. Die Höhe- und Wendepunkte des Textes werden destilliert, dieses Handlungsgerüst mit Kostümen und Kulisse umhüllt und fertig ist das filmisch überhaupt nicht funktionierende Instantprodukt. In großen Schritten geht es durch deutsche (Familien-) Geschichte. Was an sich lobenswert ist, da es immer noch zu selten passiert. Doch die Figuren kommen bei diesem atemlosen Tempo nicht zum Leben und dauernde, holperige Wechsel von Gegenwart zu Vergangenheit und wieder zurück verhindern, dass man sich auf irgendwen einlässt. Dabei hat die Begegnung der alten Leutchen die Brisanz einer ZDF-Vorabendserie. Was in der Welt passiert, ist eigentlich egal, dient nur als willkommener Anlaß für Schicksalsschläge. Völlig unhistorisch, belletristisch. Positiv daran ist nur, dass mit all den deutschen Historienfilmen, die Preise für Kulissen und Kostüme sinken müssen. So werden es Werke, die wirklich etwas erzählen wollen, dann einfacher haben.


Eine Kritik von Günter H. Jekubzik

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