Herr Lehmann

BRD 2003 (Herr Lehmann) Regie Leander Haußmann 105 Min.

"Die Mauer ist offen ..." - "Erst mal austrinken!" Der neue Film von Leander Haußmann zeigt eine andere Sicht als die Ost-Berliner "Sonnenallee". Herr Lehmann sumpft in seinem Kreuzberger Freundes- und Kneipenkreis. Das (Dreh-) Buch des Element of Crime-Musikers Sven Regener findet Alltagspoesie auf einem Bierdeckel.

Er steht hinter der Theke einer Berliner Szenekneipe und wird von allen Herr Lehmann genannt. Das kann Herr Lehmann (Christian Ulmen) nur nicht leiden, wenn es mit der Duz-Form einhergeht. Auch ansonsten erweist sich der Endzwanziger als Meister der Wortfuchsereien, die schöne Köchin Kathrin, in die er sich nach einem Wortgefecht verlieben wird, meint: "Wie kann man sich denn nur über ein einziges Wort so aufregen!" Anlass war nicht zufällig der Begriff "Lebensinhalt", doch dazu kommt Herr Lehmann erst später.

"Herr Lehmann" spielt zu 90 Prozent in Kneipen. Selbstverständlich passiert nicht viel, wenn man nur ins Glas schaut. Aber das ist durchaus Konzept dieses Films, irgendwann wird der Freund Karl (ein langhaariger Detlev Buck) ausrasten und ein Dreißigster Geburtstag Umdenken anstoßen. Über weite Strecken lässt sich "Herr Lehmann" als originelle Verfilmung besoffenen Kneipengeschwafels mit guter Musik im Hintergrund goutieren. Es erinnert an Kaurismäki, wenn sich all die komischen Kauze stoisch an ihrer Bierflasche festhalten.

Spitzfindigkeiten zu einem besonderen Lebensstil im West-Berlin der Achtziger kulminieren in rasanten, wohl formulierten Dialogen. Für die Qualität des Tresen-Philosophierens garantiert die Feder von Sven Regener, der in einer früheren Karriere die poetischen Texte der Band Element of Crime verantwortete. Deren Melodien sind übrigens im Hintergrund wiederzuerkennen, im Vordergrund sieht man viele bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, allen voran Christian Ulmen. Der MTV-Moderator macht seine neuerliche Filmsache richtig gut, wobei ihm entgegen kommt, dass es "Herr Lehmann" eher auf die Sprache als aufs Spiel ankommt. Er meistert aber auch sieben Bier in einer Einstellung und eine großartige Trennungsszene im Dönerladen. Theatermann Haußmann ist ideal für solch einen Stoff. Tom Tykwers Kamerakünstler Frank Griebe gab dieser meist nächtlichen Westalgie passen versumpfte Bilder. Damit ist der deutsche Film immerhin schon mal auf der Höhe der zeitnahen Literatur angekommen.


Eine Kritik von Günter H. Jekubzik

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