Krise in Locarno

Rekordkulissen und programmatische Orientierungslosigkeit

von Günter H. Jekubzik

Draußen weht ein eisiger Wind. Elend und ausgemergelt stehen Flüchtlinge aus der Türkei, die bei Nacht und Nebel die Grenzen von Italien zur Schweiz überschritten haben, vor einer dicken Glaswand. Hinter ihr aalt sich ein einzelner Hotelgast im wohltemperierten Swimming-Pool. Als er die Frierenden und Hungernden sieht, kann er nur darauf verweisen, daß geschloßen sein. Diese Szene aus "Reise der Hoffnung" von Xavier Koller, einem der besten Beiträge des diesjährigen Filmfestivals von Locarno, könnte eine Metapher für die Situation von Filmen aus armen oder medienmäßig unterentwickelten Ländern sein.

Bisher hatte die Veranstaltung des exklusiven Ferienortes am Lago Maggiore den Ruf, ungerechtfertig vernachlässigten Filmen den Weg in die westlichen Kinos zu öffnen. Doch das Bild hat sich gewandelt. Die immer schon bestehende Diskrepanz zwischen der Festivalleitung und dem filmideologisch festgelegten Publikum brach in unzähligen Pfeifkonzerten aus. Aus Afrika wurde zwar "Tilai" auf der Piazza Grande, dem vielleicht größten Freilichtkino Europas, gezeigt, doch der hervorragende Film von Idrissa Ouedraogo machte Lust auf mehr Filme dieses Kontinents, die in Locarno leider nicht zu finden waren.

Die wohl besten Filme kamen aus Asien. Doch "Ju Dou" von Zhang Yimou ("Rotes Kornfeld") und "Sibaji" (Die Leihmutter) von Im Kwon-taek wurden um elf Uhr morgens oder abseits im Filmmarkt gezeigt, während der abgeschmackte Kostüm-Taviani "Il sole anche di notte" neuntausend Menschen auf der Piazza langweilte. Dafür gab es überreichlich aus Osteuropa zu sehen. Vor allem Verbots-Filme, bei denen das Auswahlkriterium nicht Qualität, sondern der politisch motivierte Verschluß ist. Von den neuen Produktionen aus Osteuropa gewann "Slouchainij vals" (Zufälliger Walzer) der sowjetischen Regisseurin Svetlana Proskourina den Goldenen Leoparden. Das Urteil der Jury ist allerdings schwer nachzuvollziehen. Zu zufällig wirken die Episoden aus dem Leben von Menschen einer Armensiedlung. Die Kamera gleitet langsam durch die Szenen, verirrt sich aber oft im Dunklen. Dieser Stil drückt nicht Ziellosigkeit und Verlorenheit aus, er scheint selber von ihnen beherrscht zu sein.

Die filmische Studie einer dazu konträren Gesellschaftsschicht von Whit Stillman wurde mit dem Silbernen Leoparden beehrt. Wie Kinder von Woody Allen verbreiten acht Jugendliche der New Yorker Eliten in "Metropolitan" ihre Standpunkte und Weltsichten, doch bis kurz vor dem Ende bleiben sie leblos und nur die Musik kann der, wie Partygeplauder dahinplätschernden Handlung etwas Schwung geben.

Eine auffällige Randerscheinung könnte die Zukunft derartiger Wettbewerbe verändern. Kleine Videotext-Terminals standen überall beim locarneser Festival herum. Schneller als die in drei Sprachen gratis verteilten Festivalzeitungen informieren sie über Filme, Terminänderungen, Zuschauerzahlen und auch über die so wichtigen Empfänge und Umtrunke. Zudem gaben sie dem Publikum die Möglichkeit, die Wettbewerbsbeiträge mit Punkten und kurzen Beiträgen zu bewerten. Werden demnächst Palmen, Leoparden und Bären per "Ted" verliehen?

Doch der Sieger in der Gunst der computertauglichen Massen, wurde auch von fast allen Fachjurys ausgezeichnet und ist, obwohl er nur ex-aequo einen silbernen Leoparden erhielt, der erfolgreichste Film der Festivals. Das Multitalent Philip Ridley (Maler, Schriftsteller und Cineast) erzählt in "The reflecting skin" das Ende der Kindheit des siebenjährigen Seth Dove. Vor riesigen, windbewegten Kornfeldern spielt sich in den USA der fünfziger Jahre eine dramatische Geschichte um Päderasten, religiösen Fanatikern, Kindesmördern, Vampiren und Jugendfantasien ab. Schon die Aufzählung zeigt, daß Ridley sich nicht scheut, großartiges Kino zu inszenieren. Geschickt halten optische und akustische Paukenschläge die Spannung und die Handlung nach einem eigenen Szenario birgt Elemente, die "The reflecting skin" komplexer hätten machen können. Den Ehren-Leoparden verlieh Locarno nun im zweiten Jahr an eine besondere Persönlichkeit des internationalen Films. Doch wenn der Preis nicht eine Person, sondern umgekehrt der Star das Festival (be-) ehren soll, wird eine solche Auszeichnug lächerlich. Zuerst sagte Dirk Bogarde ab. Gian Maria Volonté akzeptierte zwar die "Auszeichnung", sein neuester Film "Porte aperte" (Offene Türen) von Gianni Amelio, bei dem Volonté als eigensinniger Richter im italienischen Faschismus glänzt, wurde auf der Piazza gezeigt, doch er selber erschien dann aus gesundheitlichen Gründen nicht. Festival-Präsident Raimondo Rezzonico hatte es bei der Ehrung sehr eilig, den "Ehren-Leo" wieder in einer Kiste verschwinden zu lassen. Auch die Verleihung der Wettbewerbs-Leoparden zeigte nichts von einer 43-jährigen Traditon und hatte Ähnlichkeiten mit der Essensausgabe einer Kantine. Rauf auf's Podium, Preis abholen, runter vom Podium.

Die "Neuen Schweizer Filme" sind immer mit Vorsicht zu genießen, da sie in Locarno eine ähnlich beschützten Status wie das Edelweiß genießen und hier fast alles gezeigt wird, was in einem Jahr produziert wurde. Doch herausragend ist "Step across the border", das Porträt des englischen Experimentalgitarristen Fred Frith von Nicolas Humbert und Werner Penzel. Es unterlegt Musik und Aussagen des sympathischen Musikers mit kongenialen Bildern und läßt die Melodien, die Frith aus den Tönen der Welt gewinnt, erneut in den Zuschauern anklingen. Eine neue Sektion, die "Kritikerwoche" begeisterte ebenfalls mit außergewöhnlichen Beiträgen. "A thin blue line" ist die faszinierende, äußerst artifizielle Rekonstruktion eines Jusitzirrtums, "Good News" beobachtet mit bissigem Humor ausgebeutete, asiatische Zeitungsverkäufer in Wien und der belgisch/palästinensische Beitrag "Nachid El-Hajar" verbindet die poetische Liebe eines Paares mit Bildern der Unterdrückung in Palästina.


Eine Kritik vonGünter H.Jekubzik

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