Montags 20 Uhr im Atlantis, Pontstraße 141-149

Film in Originalversion

13. Oktober 1997

TO VLEMMA TOU ODYSSEA /

LE REGARD D'ULYSSE /

DER BLICK DES ODYSSEUS

Griechenland/Fr/I 1995 176 Minuten, div. Sprachen m.U.

Regie: Theo Angelopoulos

Buch: Theo Angelopoulos, Tonino Guerra, Petros Markaris, Giorgio Silvagni

Kamera: Giorgos Arvanitis, Andreas Sinanos

Montage: Yannis Tsitsopoulos

Musik: Eleni Karaindrou

Produktion: Theo Angelopoulos Film Prod./Paradis/Basic Cinematografica

Produzent: Costas Lambropoulos, Giorgio Silvagni, Eric Heumann

Darsteller: Harvey Keitel (A., der Filmemacher), Maia Morgenstern (die Frau, die ihm begegnet), Erland Josephson (S., Filmmuseum-Kurator), Thanassis Vengos (Taxifahrer), Giorgos Michalakopoulos (Freund und Journalist), Dora Volanaki

 

Inhalt

Ein amerikanischer Regisseur griechischer Abstammung sucht im Auftrag der Athener Kinemathek drei verschollene Rollen mit nicht entwickeltem Filmmaterial der ersten griechischen Filmpioniere. Auf der Suche nach den Spulen und sich selbst begibt er sich auf Irrfahrten quer durch den vom Bürgerkrieg geschüttelten Balkan und sieht die Wunden, die die wechselhafte Geschichte jener Region seit Ende des letzten Jahrhunderts geschlagen hat. Eine facetten- und höchst beziehungsreiche filmische Meditation, in der sich individuelle Geschichte, Länder- und Filmgeschichte durchdringen. Bisweilen surreal und unerklärlich, oft auch bitter und aufwühlend, ist der Film ein weiteres eindrucksvolles Fragment in Angelopoulos' erzählerischem Kosmos.

(Lexikon des Internationalen Films auf CD-ROM)

 

 

"A.", ein griechischer Filmemacher, der im Exil in den USA gelebt hat, kehrt in seine Heimatstadt zurück. Er soll dort einer Sondervorführung eines seiner extrem kontrovers diskutierten Filme beiwohnen. Das wirkliche Interesse A.s liegt freilich woanders. Es gilt den schon mythischen Filmrollen des allerersten Films, den die Manakia-Brüder zu Beginn des Filmzeitalters gedreht haben. Unermüdlich durchquerten sie den Balkan. Und ohne Rücksicht auf nationale und ethnische Konflikte bannten sie die regionale Geschichte und die Kultur auf Film. Haben diese archaischen und nie entwickelten Bilder je existiert? Und wenn ja, wo sind sie? - "Warum 'A'? Das ist sowohl eine alphabetische, wie auch eine autobiographische Wahl. Jeder Filmemacher kann sich an den ersten Augenblick erinnern, in dem er durch den Sucher einer Kamera blickte. Dieser Moment bedeutet nicht so sehr die Entdeckung des Films, sondern vielmehr die Entdeckung der Welt. Später irgendwann kommt dann der Augenblick, in dem der Filmemacher an seiner Fähigkeit, die Dinge zu sehen, zu zweifeln beginnt und er nicht länger weiß, ob sein Blick die Welt noch richtig und unschuldig erfaßt" (Théo Angelopoulos).

(Günter H. Jekubzik)

 

Der im amerikanischen Exil berühmt gewordene griechische Regisseur A. (Harvey Keitel) kehrt zurück in sein Heimatland, wo sein neuester Film das Publikum radikal spaltet. A ist aber nicht so sehr an dieser Auseinandersetzung interessiert - zu sehr ist er in seinem eigenen Land Fremder geworden. Dieses Gefühl der Entfremdung ist umfassend. Nicht nur seine Geschichte hat er verloren, er ist daran sich selbst zu verlieren. Alles hat sich für ihn entwertet, auch die eigene künstlerische Arbeit. So verfällt er der Vorstellung, dass Film das Geheimnis seines Gegenstandes in sich schliessen müsste. Er beginnt nach den ersten verschollenen Filmaufnahmen, die die Brüder Manakis, Filmpioniere und die"Lumières des Balkan" genannt, gemacht haben. Einem Gerücht nach sollen sie zwar gedreht, aber nie entwickelt worden sein und irgendwo auf dem Balkan noch existieren. Von der Ansicht dieser noch unverfälschten Bilder erhofft sich A. die Erlösung aus seiner Krise. Seine Suche führt ihn über den ganzen Balkan: von Griechenland nach Albanien, von Mazedonien über Bulgarien nach Rumänien, von Belgrad nach Sarajevo (gedreht musste allerdings in Mostar und Vukovar werden). Dort inmitten von Elend und Gewalt, findet er die Filmrollen.

 

Wie alle Filme von Theo Angelopoulos, der zu den wichtigsten europäischen Filmautoren gehört, thematisiert "To vlemma tou Odyssea" das Reisen und die Grenzen. Dieses Thema bekommt hier eine aktuelle und politische Dimension, denn die Odyssee des Regisseurs A. ist, neben der Reise in seine persönliche Vergangenheit, eine Auseinandersetzung mit der leidvollen Geschichte des Balkans. Allerdings gelingt Angelopoulos in diesem formvollendeten Film die plausible Darstellung der individuellen Entwicklung einer auratischen Künstlerpersönlichkeit in weit grösserem Masse als das Eindringen in die komplexe und verworrene historische wie aktuelle Situation des Balkans. Trotzdem ist dieser Versuch, das Individuum mit seiner Geschichte, seiner politischen und sozialen Umgebung zu konfrontieren, selten so intensiv und brillant in einem Film umgesetzt worden.Über den Regisseur Théo Angelopoulos wurde 1936 in Athen geboren. Nach einem Jurastudium besuchte er die IDHEC-Filmhochschule in Frankreich, und freundete sich mit Jean Rouch an. Nach seiner Rückkehr nach Griechenland wurde er Filmkritiker der Tageszaitung Allagi, die von der Militärjunta geschlossen wurde. Nach einem unvollendeten Film über eine Popgruppe (1965) schaffte er 1970 bei der Berlinale den Durchbruch mit ANAPARASTASSI. Die Dreharbeiten zu BLICK DES ODYSSEUS, unter anderem in Sarajevo, Mostar, und Vukovar, begannen im Februar 1994.

(Kino Freier Film Aarau)

 

Filmografie

 

1965 FORMIX STORY (Unvollendet)

1968 EKPOMBI (Kurzfilm)

1970 ANAPARASTASSI Rekonstruktion

1972 MERES TOU 36 Die Tage von '36

1975 O THASSIOS Die Wanderschauspieler

1977 I KYNIGHI Die Jäger

1980 O MEGALEXANDROS Der große Alexander

1984 TAXIDI STA KITIRA Die Reise nach Kythera

1986 O MELISSOKOMOS Der Bienenzüchter

1988 TOPIO STIN OMICHLI Landschaft im Nebel

1991 TO METEAORA VIMA TOU PELARGOU Der schwebende Schritt des Storches

1995 TO VLEMMA TOU ODYSSEA


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